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Nun in die akademische Riege Kaliningrads aufgenommen: Prof. Dr. h.c. Winfried Böttcher (Links)
Montag, 20.06.2011

„Honoris causa“ für deutschen Europa-Professor

Kaliningrad. Die Staatliche Technische Universität Kaliningrad hat dem Aachener Professor Winfried Böttcher, Gründer und wissenschaftlicher Leiter des Europainstituts Klaus Mehnert, die Ehrendoktorwürde verliehen.


Europas Zukunft, da ist sich Winfried Böttcher sicher, Europas Zukunft liegt in seinen Regionen. Der Nationalstaat hat ausgedient.

Dies ist sozusagen das Zentralgestirn seiner Thesen in der wissenschaftlichen Analyse jenes Spannungsfeldes, das zwischen der Europäischen Union und seinen Mitgliedsstaaten knistert.

Angepasstes Denken ist Böttchers Sache nicht. Das Verharren in nationalen Egoismen und Herrschaftsmodellen wirke dem Gedanken eines geeinten Europa entgegen und gefährde seine Zukunft, warnt er.

Mit solchen Thesen hat sich der Aachener Professor für Internationale Beziehungen nicht überall beliebt gemacht. Manchem galt das, was Böttcher zu Europa sagt und schreibt, als unbequem, gar ketzerisch.

Doch in der EU-Enklave Kaliningrad, dieser „russischen Region in Europa“, wie Winfried Böttcher selbst sagt, scheint der Wissenschaftler mit seinen Visionen am rechten Ort. Und es ist wohl kaum ein Zufall, dass er hier 2005 zu den Gründern jener Einrichtung zählte, die den ersten und bis heute einzigen deutschsprachigen postgradualen Europa-Studiengang in Russland anbietet: des Europainstituts Klaus Mehnert an der Kaliningrader Staatlichen Technischen Universität (KGTU).

Sein Lernziel ist zugleich Leitmotiv: Europa verstehen.

„Unruhiger Ideengeber, rastloser Mitstreiter“

Vorigen Freitag hat die KGTU dem Gründer und wissenschaftlichen Leiter des Europastudiengangs nun den Titel „honoris causa“ verliehen – die Ehrendoktorwürde.

Hielt die Laudation: Martin Schulz, Chef der Sozialdemokraten im EU-Parlament (Foto: Plath/.rufo)
Mit Winfried Böttcher ehre die Staatliche Technische Universität nicht nur einen erstklassigen Wissenschaftler, sondern auch „einen unruhigen Ideengeber und rastlosen Mitstreiter für das Projekt der europäischen Integration“, sagte Martin Schulz, Chef der Sozialdemokratischen Fraktion im Europäischen Parlament, in der Laudatio.

Das Europainstitut leiste mit seinem universalen, interdisziplinären Studiengang einen herausragenden Beitrag zum gegenseitigen Verständnis und zur gemeinsamen Zukunftsgestaltung in Europa:

„Jugend braucht Zukunft, und die Zukunft junger Russinnen und Russen wie die der jungen EU-Bürger liegt in einer engen Partnerschaft zwischen Russland und der Europäischen Union.“

Nicht zuletzt darum benötige man endlich die gegenseitige Visafreiheit: „Sie würde gerade den notwendigen Austausch junger Leute erleichtern.“

Europäische Union am Scheideweg


Martin Schulz hielt die Laudatio auf Prof. Böttcher an jenem Ort, an dem ihm selbst vor zwei Jahren die Ehrendoktorwürde verliehen worden ist – für den Einsatz, mit dem der SPD-Politiker das Kaliningrader Projekt der Bildungszusammenarbeit unterstützt.

Schulz ist sozusagen ein Pate des EIKM, seine Fraktion ehrt jedes Jahr die besten drei Absolventen mit dem „Willy-Brandt-Preis“, der einen Aufenthalt in Brüssel beinhaltet und dem Studiengang zusätzliche Reputation verliehen hat.

Die Region Kaliningrad, „die wie keine andere ein Kaleidoskop deutsch-russischer Beziehungen darstellt“, sei ihm ans Herz gewachsen, bekannte Schulz.

Er nutzte seine Rede im großen Festsaal der Technischen Uni, um eine Verbindung zur derzeitigen Situation Europas zu ziehen: Die EU befinde sich in einer existenziellen Krise, ökonomische und nationale Motive konterkarierten wieder stärker den Integrationsprozess, der durch die Euro-Krise an den Rand des Scheiterns gebracht worden sei.

„Wir stehen vor einem Scheideweg. Tatsächlich hat Europa die Wahl: Desintegration oder die Flucht nach vorn.“

„Chance und Herausforderung zugleich“


Winfried Böttcher nahm dieses Thema in seiner Dankesrede auf, den Ort des Geschehens einbeziehend: Kaliningrad, die Drehscheibe zwischen Ost und West, Russlands Insel in der EU, gleichermaßen russisch wie baltisch wie europäisch und prädestiniert als Denklabor eines neuen Miteinander.

Die unmittelbare Nachbarschaft Kaliningrads zur Europäischen Union bedeute sowohl für die russische als auch für die EU-Seite Chance und Herausforderung zugleich. Die Entwicklung Kaliningrads zu einer russisch-europäischen Modellregion liege daher beiderseitigem Interesse. „Es kann gelingen, wenn beide Seiten es wollen.“

Beginnen könnte man mit der Einrichtung einer gemeinsamen unabhängigen Beratungskommission „zwecks einer effektiven Steuerung der Region“, schlug Böttcher vor. Sonderbotschafter aus Russland und der EU sollten diese Kommission leiten.

Institut steht vor ungewisser Zukunft


Die Gründung des „Europainstitut Klaus Mehnert“ an der KGTU Im Jahr 2005 schlug ihre Wurzeln in einer Phase, die nach Aufbruch aussah. Im Umfeld der 750-Jahrfeier Kaliningrad-Königsbergs war allenthalben von strategischen Plänen und Partnerschaften die Rede, ein ungekannter Bau- und Modernisierungsboom erfasste die Stadt, deren Bewohner sich heftiger denn je die Frage nach der ihrer Identität stellten – und der Zukunft ihrer Inselregion.

Rahmenprogramm: Die Delegation der Stifter und Förderer besichtigte    auch den Königsberger Dom (Foto: Plath/.rufo)
Zwei deutsche Stiftungen, die Robert-Bosch-Stiftung sowie die Marga-und-Kurt-Möllgaard-Stiftung, ermöglichten maßgeblich die Gründung des Europastudiengangs. Sie hatten der Stadt Kaliningrad-Königsberg zum großen Jubiläum ein möglichst nachhaltiges Geschenk machen wollen.

„Kaum etwas kann wohl nachhaltiger sein, als in die Bildung junger Menschen zu investieren, um das gegenseitige Verständnis für unterschiedliche Kulturen zu fördern“, regte Winfried Böttcher damals an. Seit Gründung schlossen fast einhundert Absolventen aus 15 Ländern ihr Studium am EIKM mit einem Master ab.

Und heute, sechs Jahre danach? Das EIKM mit seinen acht Lehrfächern von Europarecht bis „Russland und der Westen“ steht vor einer schwierigen Zukunft. Die vereinbarte Förderung läuft im kommenden Jahr aus, wie es dann weitergeht, ist ungewiss.

Das Institut ist derzeit intensiv auf der Suche nach neuen Stiftern und Sponsoren. Martin Schulz sagte dem EIKM in seiner Laudatio auf Professor Böttcher die Unterstützung seiner Faktion zu.

Er appellierte an Stiftungen, Einzelspender, Regierungen und Unternehmen, „am Fortbestehen dieses wichtigen Projektes internationaler Bildungspartnerschaft mitzuwirken“.


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