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Bei den Ausgrabungen entdeckter mittelalterlicher Geheimtunnel: noch 39 Millionen Rubel nötig (Foto: Plath/.rufo)
Mittwoch, 21.01.2009

Ausgrabung am Königsberger Schloss wird fortgesetzt

Kaliningrad. Die Ausgrabungsarbeiten auf dem Gelände des einstigen Königsberger Schlosses sollen auch nach dem Ausstieg des „Spiegel“ aus der Finanzierung und trotz derzeitiger Krisenstimmung weitergehen.

Als das Hamburger Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ im Spätsommer nach endlosen bürokratischen Querelen auf Seiten der russischen Partner den Rückzug aus dem Projekt verkündete, schien das der Todesstoß für die seit 2001 laufenden Schlossgrabungen zu sein. Doch vielleicht war es auch ein Befreiungsschlag.

Plötzlich alle Hindernisse beseitigt


Plötzlich betonten alle beteiligten Seiten, vom Kaliningrader Museum für Geschichte und Kunst bis hin zur Gebietsregierung, dass doch alles da sei zur Fortsetzung der Arbeiten, letzte rechtlichen Probleme seien geklärt, die Hindernisse aus dem Weg geräumt. Nun will man die noch verschütteten Mauern und Gewölbe des historischen bedeutendsten Bauwerks Königsberg-Kaliningrads eben in Eigenregie freigelegen.

Chefarchaologe Anatolij Walujew: Bisher lief es nicht optimal. (Foto: Plath/.rufo)
„Die weitere Ausgrabung des Schlosskellers ist fest geplant, der Gouverneur persönlich hat dies zugesagt“, versichert Anatoli Walujew, Vizedirektor und Chefarchäologe des Kunsthistorischen Museums, im Gespräch mit Russland-Aktuell. „Wir werden in diesem Jahr die bisherige Grabungsstelle sichern und weitere Fundstücke konservieren, vor allem aber die konzeptionelle Vorarbeit dafür leisten und die Planungen mit dem städtebaulichen Konzept für dieses Areal abstimmen, um ab 2010 die Grabungsarbeiten fortzusetzen.“

Kein Konzept, mangelnde Konservierung


Eben dieses fehlende Konzept und die mangelhafte Sicherung von Funden war einer der Gründe, mit denen die Stadtverwaltung den Archäologen und ihren Hamburger Geldgebern 2008 die Genehmigung für eine weitere Grabungsetappe verweigerte. Zwar hatte der damalige Kaliningrader Chefarchitekt Alexander Baschin schließlich auf Drängen des Museums noch einmal eine Ausnahme machen wollen, weil „Der Spiegel“ als Hauptfinanzierer bereits mit dem Ausstieg drohte. Doch dann musste Baschin wegen Querelen mit dem neuen Bürgermeister seinen Hut nehmen, und Nachfolger Gennadi Li schob das konfliktträchtige Thema gleich mal ganz vom Tisch.

Im Hamburg zog man daraufhin die Konsequenzen. Den Ausgrabungen, die längst internationale Beachtung gefunden haben und sogar als Initialzündung für den inzwischen geplanten Wiederaufbau des Schlosses gelten, drohte das Aus.

Spiegel zieht die Reißleine


„Nach wie vor sehr bedauerlich“ findet das Spiegel-Redakteur Christian Neef, stellvertretender Ressortchef Ausland und in Sachen Schloss bislang sozusagen Verbindungsmann zwischen Hamburg und Kaliningrad. Er war in dieser Woche zum letzten Mal in der Pregelstadt, um das Thema offiziell zu beenden.

„Den Kaliningrader Behörden hat aus unserer Sicht schlichtweg an Interesse an diesem Projekt gefehlt. Auf einen offenen Brief, den wir nach Kaliningrad geschrieben haben, um die Beendigung unseres Engagements zu begründen, erhielten wir nicht einmal eine Antwort. Das ist durchaus bezeichnend für die gesamte Situation, die dem Brief vorausging.“

Geschätzte Grabungskosten: 39 Millionen Rubel


Doch einfach zugeschüttet, wie die Boulevardpresse es in Kaliningrad schon wissen wollte, soll die Grabungsstelle nicht. Im Gegenteil: Nach Klärung der Eigentumsverhältnisse und Übertragung des gesamten ehemaligen Schloss-Areals in den Verantwortungsbereich des Kunsthistorischen Museums soll in diesem Jahr der Weg freigemacht werden, um ab 2010 in einem Zug das gesamte Quartier freizulegen, wie Walujew erklärt. „Bisher haben wir in jedem Jahr immer nur in kurzen Abschnitten gearbeitet. Das war nicht optimal und hat hohe Nebenkosten verursacht.“

Wer die Aktion in Zukunft bezahlt, darüber gibt es bislang allerdings über Absichtserklärungen hinaus keine verbindlichen Aussagen. Es gibt nur eine Kalkulation: Um die noch verschütteten Keller freizulegen, zu sichern und Funde zu konservieren, sind demnach rund 39 Millionen Rubel (knapp 1 Mio. Euro) notwendig. Vermutlich war es auch diese gewaltige Summe, die den Spiegel zum Rückzug bewegte.

Einkaufszentrum steht im Weg


Doch auf den Spuren der ordenszeitlichen Geschichte Kaliningrads (die 1255 von den Rittern des Deutschen Ordens auf den Trümmern einer eroberten Pruzzenfeste errichtete und zu Ehren ihres Heerführers, Böhmenkönig Ottokar I., „Königsberg“ genannte Burg gilt als Keimzelle der Stadt) sollen nicht nur die Fundamente des Schlosses selbst freigelegt werden, sondern auch das gesamte angrenzende Areal und Reste historisch bedeutsamer, bislang kaum erkundeter Bauwerke wie das mittelalterliche „Konventhaus“.

Grabungsflache am einstigen Konigsberger Schloss: Fortsetzung folgt? (Foto: Plath/.rufo)
Die Tage des Einkaufszentrums „Staraja Baschnja“ am Nordrand des Platze sind daher wohl gezählt. Der Komplex aus zusammnengeschraubten Containern war Anfang der 1990er Jahre die erste westliche Ladenzeile im gerade sich öffnenden Kaliningrad. Inzwischen gilt es eher als Relikt einer ziemlich wilden Aufbruchzeit, und – es steht den Archäologen gewaltig im Weg. „Für staraja baschnja wird eine Lösung gefunden werden,“ meint Walujew. „Bei der Neugestaltung dieses Platzes muss es sowieso verschwinden.“

Schlosswiederaufbau weiter fest geplant


Denn der Wiederaufbau des Königsberger Schlosses ist nach wie vor geplant – aller Krisenstimmung und zwischenzeitlich anders lautenden Aussagen des neuen Kaliningrader Chefarchitekten zum Trotz. Die archäologischen Arbeiten gelten bereits als Auftakt dazu.

Inzwischen hat sich Gouverneur Georgi Boos selbst vor das Thema gespannt. Nicht ohne Grund: Boos sieht das Schloss als künftigen Sitz der Gebietsregierung, mit Kongresszentrum und repräsentativen Sälen. Auch an einen musealen Komplex ist gedacht – nach dem Vorbild etwa des Rigaer Schlosses. Archäologe Walujew wünschte sich „natürlich die Einrichtung eines neuen Prussia-Museums, vielleicht unter Einbeziehung von konservierten Resten der originalen Schlosskeller.“

Auch solchen Fragen sollen sich die geplante Ausgrabungs-Wiederaufbau-Konzeption widmen. Vorerst freilich hat das Museum für Kunst und Geschichte ganz andere Probleme: Es muss die Krise überstehen. Wegen massiver Finanzierungsschwierigkeiten im Gebietshaushalt ist dem bedeutendsten Museum der russischen Königsberg-Exklave gerade das Jahresbudget 2008 gekürzt worden – um 45 Prozent.


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