Es ist mächtig verstimmt. Auch fehlen schon ein paar Tasten in der abgegriffenen Klaviatur, und offensichtlich bewegte Jahre haben ihre Spuren hinterlassen auf dem kleinen Flügel Nr. 8419 der Königsberger Pianoforte-Fabrik G. J. Gebauhr.
Aber das lässt sich beheben, die Schäden sind oberflächlich, Kratzer und Schrammen. „Natürlich wird es wieder leben“, sagt Boris Fink, der an diesem sonnigen Maimorgen in das Foyer des Kaliningrader Tagungs- und Geschäftszentrums „Fischbörse“ gekommen ist, um das Instrument zu begutachten.
Fast zärtlich streicht der Klavierstimmer über die schimmernden Saiten, schlägt ein paar Akkorde an. Boris Fink soll das Instrument restaurieren und intonieren. Zusammen mit seinem Sohn Alexander betreut er seit vielen Jahren die Instrumente der Kaliningrader Philharmonie und mehrerer Musikschulen, auch zahllosen privaten Pianos hat er schon auf den Pfad des reinen Klangs zurückgeholfen.
Alt und angeschlagen, aber dafür alles original Nun wartet mit dem betagten Königsberger Flügel eine besondere Herausforderung auf die beiden gelernten Klavierbauer, doch Alexander Fink ist optimistisch: „Natürlich ist es sehr reparaturbedürftig, doch im Grunde sind die meisten Teile in einem guten Zustand, und vor allem original erhalten. Das ist schon ein kleines Wunder nach so vielen Jahren. Ich denke, es wird bald wieder klingen wie an seinem ersten Tag.“
Darauf hofft auch Pawel Fjodorow. Der Geschäftsführer des Handelszentrums „Fischdorf“ hat das historische Instrument in einem Dorf bei Nowosibirsk aufgetrieben – und kurzerhand gekauft, um es zurückzubringen an seinen Entstehungsort, der heute Fjodorows Heimatstadt ist: nach Kaliningrad, nach Königsberg.
Fund auf dem Dachboden eines Studentenwohnheims „Eigentlich ist das reiner Zufall gewesen“, erzählt Fjodorow. „Ein Bekannter rief mich an, er hatte das Klavier gefunden und den Stempel mit der Aufschrift der Königsberger Fabrik gesehen. Und weil er wusste, dass ich auch so ein Königsberger bin, meinte er, ich solle ich mir das doch mal ansehen.“
Fjodorow fand das Instrument auf dem Dachboden eines Studentenwohnheims, verstaubt und vergessen. „Eine Zeitlang hatten die Studenten da ihren Jazz drauf gespielt, aber in den letzten Jahren stand es nur noch herum.“
Für Fjodorow stand gleich fest: Das gute Stück muss zurück an den Pregel. „So ein Fund, das ist doch irgendwie eine Fügung.“ Und weil er sein Fischdorf-Projekt ebenfalls als Bekenntnis und architektonisches Zitat auf die Geschichte Königsbergs versteht, soll das Piano dort seinen neuen Platz finden – im Wintergarten des Handelszentrums „Fischbörse“.
Die Seriennummer könnte den Erstbesitzer verraten Doch vor allem möchte Pawel Fjodorow nun gern mehr wissen über die Geschichte des wohl Ende des 19. Jahrhunderts gebauten Instruments. Vor allem die Seriennummer (8419) lässt ihn hoffen, mehr darüber zu erfahren, wann und für wen der Flügel gebaut wurde.
„Denn ich möchte die Geschichte dieses Instruments und seines Wiederfundes natürlich dokumentieren.“
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