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Freitag, 24.11.2006
Kaliningrad: Das Bernsteinzimmer unter dem Pregel?
Kaliningrad. Wenn der Historiker Trifonow auftritt, ist meist Bizarres zu erwarten. Der Mann spürt gern dunklen Mythen des alten Königsberg nach. Jetzt will er das größte Geheimnis der Stadt gelüftet haben.
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Gemeint ist natürlich das seit Jahrzehnten gesuchte Versteck des verschollenen Bernsteinzimmers. Der legendäre Kunstschatz, verkündete Sergej Trifonow in dieser Woche im russischen Fernsehen, liege mitten in Kaliningrad - in einem Tunnelsystem unter dem Pregelstrom, der die Stadt in zwei Armen durchfließt und dabei die Dominsel Kneiphof bildet.
Eben dort, unweit des Doms, soll sich auch der Zugang zu dem geheimen Gang befinden. "Auf einer alten Karte von Königsberg sind deutliche Zeichen eingetragen." Der Tunnel führt demnach in 16,5 Meter Tiefe unter dem Pregel hindurch bis in ein verborgenes und sehr wahrscheinlich verschüttetes Kellergeschoss nahe des einstigen Königsberger Schlosses.
Vermutlich Anfang April 1945, kurz bevor die Rote Armee Ostpreußens Hauptstadt erstürmte, sei das in Kisten verpackte Bernsteinzimmer im Tunnel versteckt worden. "Wahrscheinlich liegen dort auch noch andere Kunstschätze Königsbergs. Es ist ja vieles auf rätselhafte Weise verschollen."
Konstantes Lagerklima
Wie der Historiker "aus deutschen Archivdokumenten" erfahren haben will, wurde der Tunnel zwischen Dominsel und Schlosshügel im Mittelalter von holländischen Baumeistern angelegt. "Die Holländer beherrschten die Kunst, das Grundwasser aus so einem Gang herauszuhalten".
Als Versteck sei der Tunnel sehr gut geeignet. "Dort unten herrschen konstante Temperaturen um zwei Grad plus, ideal für die Lagerung von Bernstein. Die Deutschen wussten das. Königsberg war schließlich ein Zentrum des Bernsteinverarbeitung."
Gefunden hat Trifonow den Tunnel, den er schon so gut zu kennen meint, freilich noch nicht. Der Einstieg an der Kneiphof-Insel, vermutet er, liege inzwischen wahrscheinlich unter Wasser. Doch ein erster Versuch von Kaliningrader Sporttauchern endete ergebnislos: Im stark verschmutzten Wasser des Pregels ist die Sicht fast Null. Darum soll die Suchaktion in den nächsten Wochen fortgesetzt werden, mit spezieller Ausrüstung.
"Gute Geschichte"
Finden werde man dort trotzdem nichts, meint Anatoli Walujew, Chefarchäologe des Kunsthistorischen Museums der Stadt. Er hält wenig von der These seines Kollegen: "Die Geschichte klingt sicher gut. Aber seriöse Beweise für so ein Tunnelsystem gibt es keine."
Ganz so abwegig scheint Trifonows Version freilich nicht. Als man vor einigen Jahren am Moskowski Prospekt nahe der Dominsel die Baugrube für eine Tankstelle aushob, legte der Bagger plötzlich eine über zwei Meter durchmessende, gemauerte Röhre frei.
Man vermutete den Rest einer alten Königsberger Kanalisationsleitung, doch da sie nach einigen Metern verschüttet war, schien ein Weitergraben zu aufwändig und zu gefährlich – man verschloss den rätselhaften Schacht einfach wieder. Steht er vielleicht mit Trifonows Pregel-Tunnel in Verbindung?
Funde wie diese halten den Mythos Königsberg in Kaliningrad am Leben, der derzeitige Bauboom tut sein Übriges. Fast jede Baugrube im Stadtzentrum öffnet Blicke auf unbekannte Kellerreste und Fundamente: Die Topografie der alten Ostpreußenmetropole, im Krieg zerbombt und zu sowjetischer Zeit gründlich eingeebnet, taucht nun parzellenweise wieder auf. Und nichts beflügelt die Phantasie in dieser "Stadt mit doppeltem Boden" dabei so wie das Schicksal des verschollenen Bernsteinzimmers.
Archäologen graben Schloss aus
Selbst nüchterne Wissenschaftler wie Anatoli Walujew können sich dem nicht entziehen. Seit drei Jahren graben der Archäologe und sein Team die Keller des 1969 gesprengten und verschütteten Königsberger Schlosses wieder aus – mit Geldern des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel".
Die Hamburger finanzieren die Aktion, weil sie sich Hinweise erhoffen auf den Verbleib des Bernsteinzimmers, das hier im Schloss 1945 zum letzten Mal sicher gesehen wurde: versandfertig verpackt in 27 Holzkisten.
Vieles deutet darauf hin, dass der Kunstschatz das von der Roten Armee damals bereits umschlossene Königsberg nicht mehr verlassen hat. Darum ließ der KGB zu sowjetischen Zeiten an über 400 Stellen in der Stadt und ihrer Umgebung nach den Kisten graben. Vergeblich, wie man weiß.
Und obwohl inzwischen große Teile des südlichen und westlichen Flügels freiliegen, lieferten auch die Keller des Schlosses bislang nicht eine konkrete Spur. Das wird sich möglicherweise ändern, denn in dieser Woche begannen die Ausgrabungen in der Nordostecke an der Stelle des einstigen Unfried-Bau.
Der Unterbau dieses Teils des Schlosses gilt als besonders geheimnisvoll. Vielleicht stoßen die Archäologen dort gar auf einen Einstieg zu Sergej Trifonows unterirdischem Gang? (tp/.rufo)
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