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Prospekt der neuen Hauptorgel im Königsberger Dom (Foto: Plath/.rufo)
Dienstag, 15.01.2008

Kaliningrad: Die große Domorgel ist fertig

Kaliningrad. Die große Schuke-Orgel im Königsberger Dom ist fertig. Äußerlich ist sie eine Kopie des barocken Originals. Hinter der Prachtfassade steckt ein modernes Hightech-Instrument.

Am vergangenen Wochenende erklang sie erstmals im Duett mit der kleineren Chororgel.

Preisgekrönter Organist aus Moskau


Als Artjom Chatschaturow im vorigen Sommer aus Moskau nach Kaliningrad, das einstige Königsberg, umzog, war sein künftiger Arbeitsplatz noch eine große Baustelle. Doch der junge Organist, Absolvent des berühmten Tschaikowki-Konservatoriums und Preisträger mehrerer internationaler Wettbewerbe, wusste, worauf er sich einließ.

Die neue Orgel im Königsberger Dom nahm bereits Gestalt an. Eine der größten in Europa würde sie sein, in Russland beispiellos.

Domorganist Artjom Chatschaturow fühlt sich wohl an seinem Arbeitsplatz (Foto: Plath/.rufo)

Orgel als schönster Arbeitsplatz Kaliningrads


Nun ist das Werk vollendet und Chatschaturow hat „den schönsten Arbeitsplatz Kaliningrads“, wie er sagt. Eine Orgel hoch wie ein dreistöckiges Hauses ragt von der Empore auf, rauschenden Barock zitierend unter dem gotisch strengen Kreuzrippengewölbe.

Der üppig verzierte Orgelprospekt füllt die ganze Breite zwischen den Säulen des Doms aus, vergoldetes Schnitzwerk rahmt die Galerien silbern glänzender Pfeifen. Auf dem Gesimsen lümmeln Putten mit Pauken und Trompeten, darüber scheinen Posaunenengel und Skulpturen anmutiger Geigerinnen auf ein Zeichen des Dirigenten zu warten, und ganz oben, über den haushohen Pfeifen an der Spitze des Hauptwerkes, reckt ein Phönix sein gekröntes Haupt: Sinnbild für die Wiederauferstehung der Königsberger Domorgel.

An Joshua Mosengels Original orientiert


Den Vogel gab es früher nicht an dieser Stelle. Einst thronte dort Preußens Reichsadler. Ansonsten aber kopiert die Ansicht weitestgehend das Original der barocken Mosengel-Orgel.

Sogar die Marien-Skulptur in der Mitte des Prospekts und die verspielte Bemalung der Pfeifen entsprechen dem Vorbild. Ein Meisterwerk der renommierten Orgelbaufirma Alexander Schuke aus dem brandenburgischen Werder, deren Spezialisten das 30 Tonnen schwere Instrument entwarfen, bauten und in fast achtmonatiger Teamarbeit im Dom installierten.

Berühmtes Vorbild nach Luftangriff in Rauch und Asche aufgegangen


Die alte Domorgel, 1721 von Joshua Mosengel erbaut, war für ihren Klang berühmt und zählte zu den schönsten Orgeln Deutschlands. Ihre Pracht verglühte im August 1944 im Feuersturm eines verheerenden britischen Bombenangriffs. Der Königsberger Dom, die mächtige gotische Backstein-Kathedrale aus der Zeit des Deutschen Ordens, brannte vollständig aus, nur die Außenmauern und der Turmstumpf blieben stehen wie ein Mahnmal versunkener Geschichte in der 1945 als Kriegsbeute an die Sowjetunion gefallenen, nun Kaliningrad heißenden Stadt.

Als Russen und Deutsche Anfang der 1990er Jahre, Kaliningrad war gerade erst wieder für Ausländer geöffnet worden nach fünf Jahrzehnten hermetischer Abriegelung, zaghaft den Wiederaufbau des Doms planten, hätte niemand einen Rubel auf eine Auferstehung der Orgel gesetzt. Zu absurd schien der Gedanke an Bachs Kantaten zwischen den von Schutt und Unrat übersäten Mauerresten.

Igor Odinzow - Dombaumeister mit der Spezialität, Unlösbares zu meistern (Foto: Plath/.rufo)

Russisch-deutsches Gemeinschaftswerk


Doch Igor Odinzow, Direktor der staatlichen Dombaufirma „Kafedralnyj Sobor“, entwickelte sich zum Spezialisten für Undenkbares. Von Beginn an finanzielle Nöte und Rückschläge gewöhnt, beschaffte Odinzow hartnäckig immer wieder die nötigen Mittel, um an seinem „Lebenswerk“, wie er den Dom nennt, weiterarbeiten zu können.

Vor allem aus Deutschland floss viel Geld in den Wiederaufbau, von zahllosen Spenden der alten Königsberger bis zu Großförderern wie der Hamburger Zeit-Stiftung, die das neue Dach finanzierte. Auch viele Kaliningrader gaben Geld. So wuchs der Dom in sein zweites Leben – als deutsch-russisches Gemeinschaftswerk und zugleich als Ort, an dem Geschichte und Gegenwart dieser Stadt mit doppeltem Boden verschmelzen.

Nur für die Orgel wollte sich kein Stifter finden. Zu sehr hatte wohl der polternde Kasernenton des Dombaumeisters frühere Partner verärgert, öffentliche Kritik an der denkmalpflegerischen Qualität der Restaurierungsarbeiten tat ein Übriges. Igor Odinzow ist an solche Widrigkeiten gewöhnt. „Kritiker, Zweifler und Spötter, daran gab es hier nie einen Mangel “, sagt er. „aber mit denen wäre der Dom heute noch eine Ruine.“

Größte Orgel im Ostseeraum


Erst als Wladimir Putin 2005 den Königsberger Dom besuchte, hatte Odinzow Glück. Der Präsident hörte zu, staunte – und versprach finanzielle Hilfe. Nun rollte der Rubel: Umgerechnet fast dreieinhalb Millionen Euro überwies der Kreml auf das Domkonto von „Kafedralnyj Sobor“. Die brandenburgischen Orgelbauer konnten aus dem Vollen schöpfen.

Die Register der Schuke-Orgel erinnern an das barocke Vorbild. Dahinter versteckt sich HighTech (Foto: Plath/.rufo)
Und sie schöpften. Mit fast 8.800 Pfeifen, gruppiert in 90 Registern, bestückten sie das Instrument und bauten dem alten neuen Königsberger Dom eine Orgel, die als größte im Ostseeraum gilt, voluminöser noch als die gewaltige Stimme des Rigaer Doms. Nimmt man die kleine, bereits 2006 fertiggestellte Chororgel im Langhaus hinzu, sind es sogar 122 Register.

Beide Orgeln sind durch komplizierte Datenleitungen miteinander verbunden und lassen sich sowohl solo als auch gemeinsam spielen – jeweils von jedem Platz aus. Arbeiten sie im Duett, können beide Organisten mittels Kamera, Monitor und Headset miteinander kommunizieren. Orgelbau im 21. Jahrhundert.

Register mit PC-Anschluss


Auch hinter der barocken Prunkfassade hilft Hightech nach. Die Pfeifen werden immer noch, wie zu Josua Mosengels Zeiten, über ein filigranes, vollmechanisches System hölzerner Hebel und Windladen zum Klingen gebracht. Doch schon das Einstellen der Register übernehmen elektronische Regler. Wenn Artjom Chatschaturow das, was er gerade spielt, zugleich aufnehmen und speichern will, schließt er sein Notebook an die Orgel an. Zu sehen sind die Segnungen des Computerzeitalters an dem historisierenden viermanualigen Spieltisch kaum.

Nur wer genau hinsieht, entdeckt unter den kunstvoll aus Perlmutt und Hartholz komponierten Registerzügen die PC-Anschlüsse. Den jungen Musiker stört der Stilbruch nicht, im Gegenteil: „Würde Bach heute leben, er hätte sicher auch einen MP3-Player.“

Kaliningrad – Orgelhauptstadt Russlands


Am vorigen Wochenende hatte Chatschaturow erstmals Gelegenheit, an seinem Arbeitsplatz öffentlich alle Register zu ziehen. Das Festkonzert gemeinsam mit dem russischen Starorganisten Rubin Abdullin, Professor am Kasaner Konservatorium, geriet zum erwarteten „Orgel-Duett“ und füllte den hundert Meter langen Domsaal mit solch grandiosen Wechselklängen, dass das Publikum die beiden Musiker am Ende feierte wie Popstars. Eine Lokalzeitung betitelte Kaliningrad tags darauf als „Orgelhauptstadt Russlands“.

Dombaumeister Igor Odinzow genießt den Triumph. Kaliningrad schlage eine kulturelle Brücke zwischen Europa und Russland, sagt er, „und der Dom und seine Orgel stehen dafür als Symbol.“ Für 2008 plant er eine dichtbelegte Konzertsaison und lädt Organisten zu Gastspielen in das alte Königsberg ein. Auch und gerade aus Deutschland. „Die Orgel ist kein Museumsstück. Sie soll und wird leben.“

(Thoralf Plath/tp/.rufo/Kaliningrad)


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