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Der neue Generalkonsul in Kaliningrad Dr. Aristide Fenster (Foto: Plath/.rufo)
Freitag, 13.02.2009

Kaliningrad: Generalkonsul Aristide Fenster tritt an

Kaliningrad. Die diplomatische Vertretung Deutschlands in Russlands westlichster Region hat einen neuen Chef. Dr. Aristide Fenster, zuvor Ständiger Vertreter und Gesandter der Botschaft in Peking, hat seinen Dienst angetreten.

Er sei in Kaliningrad überaus freundlich aufgenommen worden, sagt der 57jährige Diplomat, der in den ersten Tagen seines Amtes einen wahren Marathon an offiziellen Treffen zu absolvieren hatte: Neben dem obligatorischen Antrittsbesuch bei Gouverneur Georgij Boos standen unter anderem Gespräche mit Duma-Chef Sergej Bulytschew, dem Präsidentenvertreter Alexander Dazyschin, Kaliningrads Oberbürgermeister Alexander Jaroschuk und zahlreichen anderen Persönlichkeiten auf dem Programm.

Auch im "Deutschen Wirtschaftskreis", dem monatlichen Treffen deutscher Unternehmer und Geschäftsleute in Kaliningrad, stellte Aristide Fenster sich bereits vor. "Man spürt deutlich das große und ernsthafte Interesse, dass hier von allen Seiten den deutsch-russischen Beziehungen und dem weiteren Ausbau dieser Zusammenarbeit beigemessen wird."

Am Ausbau dieser Beziehungen will Fenster, neben den amtlichen konsularischen Aufgaben, nach Kräften mitwirken. Das Gebiet Kaliningrad sei durch seine geopolitische Lage als russische Exklave innerhalb der EU, aber auch durch seine Geschichte eine prädestinierte Region für das, was der deutsche Außenminister als "Modernisierungspartnerschaft" bezeichnet habe, meint der Generalkonsul.

"Es ist beeindruckend, was sich hier in den vergangenen Jahren entwickelt hat in der Zusammenarbeit zwischen Kaliningrad und Deutschland. Die Bundesrepublik ist für dieses Gebiet nicht nur Handelspartner Nr.1, es bestehen lebendige Partnerschaften mit Universitäten, Kultureinrichtungen, Kommunen, zwei deutschen Bundesländern." Gern werde er sich hier mit seinen Möglichkeiten einbringen, sagt der neue Generalkonsul. Vor allem die Wirtschafts- und Kulturbeziehungen liegen ihm dabei am Herzen, darunter auch der Sport.

Auch sportliche Kontakte fördern



Als Ständiger Vertreter an der Deutschen Botschaft in Peking hat Aristide Fenster zwei Jahre lang aktiv an der Vorbereitung und Durchführung der Olympischen Spiele mitgewirkt. Das dabei entstandene Netzwerk soll nun helfen, sportliche Kontakte zwischen Kaliningrad und Deutschland zu fördern:

"Ich denke da in erster Linie an Jugendliche, ihnen gehört die Zukunft. Man muss junge Leute zusammenbringen, und Sport ist dafür eine hervorragend geeignete Brücke. Gemeinsame Turniere, Wettkämpfe, da gibt es eine Menge Möglichkeiten. Der Sport ist sowohl in Deutschland als auch in Russland auf hohem Niveau entwickelt, auch die Kaliningrader sind, wie ich hörte, sehr sportbegeistert."

Auch auf einem ganz anderen Gebiet wird Kaliningrad möglicherweise bald vom neuen Chef des deutschen Generalkonsulats "profitieren": der Kunst. Aristide Fenster gilt als profunder Kenner zeitgenössischer Kunst, mit besten Kontakten in die deutsche Galerieszene. Hier ein hochklassiges Ausstellungsprojekt etwa aus der Neuen Leipziger Schule in das alte Königsberg zu holen - so etwas hat der Diplomat durchaus im Sinn.

Konsulatsgebäude soll bis Mitte 2010 fertig sein



Doch vorerst gibt es Näherliegendes. Sobald als möglich soll das Generalkonsulat aus seinem derzeit angemieteten Geschäftshaus in der Leningrader Straße in das mittlerweile offiziell von der Bundesrepublik gekaufte Kanzleigebäude in der Thälmannstraße umziehen.

Dieses operative Ziel hat Priorität für Aristide Fenster, und darauf hat er gleich nach Dienstantritt auch sein Team eingeschworen. "Die Zeit der Provisorien sollte endlich vorbei sein. Sicher, alles hatte seine Gründe, die Bedingungen für das Generalkonsulat waren anfänglich nicht optimal. Aber den Rang, den die Bundesrepublik hier als wichtiger wirtschaftlicher und politischer Partner Russlands einnimmt, sollte auch das Generalkonsulat ausstrahlen. Wir werden in unserem großen Kanzleigebäude in der Thälmannstraße nicht nur bessere Bedingungen für die konsularische Arbeit haben, sondern auch für Veranstaltungen, Ausstellungen, für unsere Aktivitäten insgesamt."

Umbau und denkmalgerechte Sanierung der historischen Königsberger Jugendstilvilla von 1909 sollen im Frühling beginnen. Geplante Eröffnung der "Villa Deutschland": Mitte 2010. "Vielleicht mit einem Sommerfest in dem herrlichen Garten hinter dem Haus", schmunzelt Fenster.

Man merkt es ihm an: Er freut sich auf den Job, auf Kaliningrad. Eine Dienstzeit in Russland hat sich Aristide Fenster schon lange gewünscht. Schon in der Schulzeit, auf dem Gymnasium in Frankfurt am Main, lernte er Russisch, "was damals ziemlich exotisch war", las die russischen Klassiker von Puschkin bis Tschechow, promovierte später in Osteuropäischer Geschichte.

Doch der diplomatische Dienst im Auswärtigen Amt der Bundesrepublik ist kein Wunschkonzert. Darum verschlug es ihn, nachdem er 1982 in die Diplomatenlaufbahn eintrat, zunächst nach Warschau, Washington, Helsinki und zuletzt, 2005-2008, nach Peking. "China, das war natürlich eine aufregende Zeit", sagt er.

"Vorurteile abbauen"



Und wie erlebt man im Nachhall des Lebens in einem der brodelnden Zentren der Welt eine Stadt wie das alte Königsberg? Kaliningrad sei auf eine ganz andere Weise ein spannender Ort, sagt Fenster.

Die Stadt habe sich in den letzten fünf Jahren sehr entwickelt, sei moderner und lebenswerter geworden, befinde sich im Umbruch. "In der öffentlichen Wahrnehmung in Deutschland wird das Kaliningrad-Bild immer noch von den wilden düsteren 90er Jahren geprägt. Die Förderung von Kontakten und Kooperation können auch hier helfen, Vorurteile und Informationsdefizite abzubauen."

Das künftige Konsulatsgebäude, eine historische Jugendstilvilla am Königsberger Oberteich in der ul. Telmanna 14 (Foto: Plath/.rufo)
Beeindruckt habe ihn als Historiker der offene unverkrampfte Umgang der Kaliningrader mit der deutschen Geschichte ihrer Stadt, mit Königsberg, Ostpreußen. "Da gibt es weder Tabus noch Berührungsprobleme, wie zum beispiel die Diskussion um den Wiederaufbau des Königsberger Schlosses zeigt.

Die Erwartungen an Deutschland sind wohl auch aus der Geschichte dieser Region heraus sehr groß, sich hier zu engagieren." Es ist wohl nicht zuletzt das Spannungsfeld aus Geschichte und Gegenwart, das diese Region für Aristide Fenster zu etwas Besonderem macht: "Kaliningrad ist ein Teil Russlands, aber wegen seiner Geschichte ein einzigartiger Teil."

Miliz stoppt Diplomatenfahrzeug



Doch auch eine Kostprobe aus dem Absurditätenkabinett des Kaliningrader Alltags hat der neue Generalkonsul der Bundesrepublik schon abbekommen. Als Aristide Fenster und seine Ehefrau am 1. Februar zur Gedenkveranstaltung für die Opfer des Nazi-Massakers von Jantarnyj (Palmnicken) fahren wollten, wurde das Konsulatsfahrzeug kurz vor Erreichen der Siedlung von einer Polizeistreife gestoppt.

Mit der Begründung, Jantarnyj liege im Grenzsperrgebiet, für das Ausländer eine Sondergenehmigung benötigten, wurde dem Diplomaten, der eine offizielle Einladung der Kaliningrader jüdischen Gemeinde und des Bürgermeisters von Jantarnyj hatte, die Weiterfahrt verwehrt - ebenso wie seinem polnischen Amtskollegen Marek Golkowski. Erst mit fast einer Stunde Verspätung kam Fenster bei der Veranstaltung an.

Kein Sperrgebiet? Doch Sperrgebiet?



Der Zwischenfall schlägt derzeit hohe Wellen in Kaliningrad. Laut Auskunft der Grenzschutzkommandantur benötigt man für Jantarnyj gar keinen Propusk: Die gesamte Ostseeküste sei, mit Ausnahme der direkten grenznahen Streifen auf den Nehrungen, aus der Grenzzonenregelung ausgenommen.

Doch Jantarnyj ist Russland, und da liegen die Dinge niemals einfach. Zu ihrer Rechtfertigung zogen die Milizionäre die Regierungsverordnung Nr. 470 vom 4. Juli 1992 aus dem Hut. Und die besagt, dass Jantarnyj für Ausländer Sperrgebiet ist.

Ganz offensichtlich wird die Regel seit vielen Jahren nicht mehr angewandt, genau genommen war dieses Relikt der frühen Öffnungsjahre des Kaliningrader Gebietes wohl längst in Vergessenheit geraten. Doch wie sich nun herausstellt, gilt besagte Verordnung immer noch, offiziell außer Kraft gesetzt wurde sie jedenfalls nie.

Nun streiten sich die Behörden und "bemühen sich um Klärung", wie es aus dem Außenministerium heißt. Dabei geht es wohl vor allem um Gesichtswahrung in diesem peinlichen Fall.

Offiziell Beschwerde hat das deutsche Generalkonsulat nicht eingelegt, da sich der Leiter der örtlichen Filiale des Außenministeriums für die Mißhelligkeiten entschuldigt hat. Doch einen Effekt hat dieser Zwischenfall bereits:

Die absurd restriktiven, für Ausländer zudem kaum durchschaubaren Grenzgebietsregeln im Kaliningrader Gebiet sind zum Politikum geworden - und einer kritischen Überprüfung möglicherweise ein Stück näher gekommen.


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