Ein Gespenst geht um in Kaliningrad, das Gespenst der Re-Germanisierung. Iwan Rewin, Chef der örtlichen Kommunisten, sieht es an jeder Straßenecke spuken im einstigen Königsberg: "Die immer häufigeren Erklärungen einiger unserer Politiker, der Stadt den alten deutschen Namen zurückzugeben und das Kaliningrader Gebiet in Preußen umzubenennen, beunruhigen uns sehr", sagte Rewin in dieser Woche in einem Interview der Komsomolskaja Prawda. "Dagegen muss man etwas tun."
Darum haben Kaliningrads Kommunisten am 22. Juni verkündet, eine "Bewegung gegen die drohende Re-Germanisierung des Kaliningrader Gebietes" gründen zu wollen. Das Datum war ganz gewiss kein Zufall: Alljährlich am 22. Juni gedenkt Russland des Überfalls Hitlerdeutschlands auf die Sowjetunion.
Im Ergebnis dieses mörderischen Krieges wurde 1945 aus dem Norden Ostpreußens und Königsberg das russische Gebiet Kaliningrad - eine Beuteprovinz, von Stalin offiziell als "Wiedergutmachung" beansprucht. In Wirklichkeit sollte ein Militärbezirk mit Ostseehafen draus werden.
Veteranen der Roten Armee haben die Stadt wiederaufgebaut ... Wegen Hitlers Überfall sei alles Deutsche in Kaliningrad unwiderruflich Vergangenheit, wettert Rewin, bekannt als Freund scharfer antiwestlicher Töne. "Unsere Veteranen haben Königsberg nicht erobert und aus seinen Trümmern die russische Stadt Kaliningrad aufgebaut, damit jetzt einige verantwortungslose Politiker das Rad der Geschichte zurückdrehen."
Immer wieder mal schlug das Thema Umbenennung in den letzten Jahren Wellen in Russlands westlichster Großstadt, die als einzige in der Föderation noch den Namen von Stalins Parteigenossen Michail Kalinin trägt.
Für die Umbenennung äußerten sich auch in den letzten Wochen wieder einige Regionalpolitiker. Zuletzt tat dies Felix Lapin, als "City-Manager" (Stadtdirektor) sozusagen zweiter Bürgermeister an der Doppelspitze im Kaliningrader Rathaus.
... und jetzt soll es Königsberg und Ostpreussen wieder geben? In einem Interview mit dem Radiosender Echo Moskwy plädierte der Kaliningrader Stadtdirektor für die Rückbenennung der Stadt und des Gebietes: "In Russland könnte man stolz sein auf den Namen Königsberg als eine russische Stadt. Und wenn man das Kaliningrader Gebiet in Preußen umbenennen könnte – ich wäre damit sicher einverstanden."
Ängste vor einer Herauslösung des ehemaligen nördlichen Ostpreußen aus der Russischen Föderation wegen des deutschen Namens seien absolut unbegründet, sagte Lapin.
Die Äußerungen lösten in staatsnahen Kaliningrader und Moskauer Medien einen solchen Sturm aus, dass Lapin schon tags darauf eilig zurückruderte: Das seien nur persönliche Gedanken gewesen. Geplant sei eine Umbenennung Kaliningrads keinesfalls.
Boos: Derzeit kein Thema - doch irgendwann? Das stimmt. Auch Gebietsgouverneur Georgi Boos, betonte jüngst gegenüber der Regierungszeitung Rossijskaja Gaseta, eine Rückkehr der alten deutschen Ortsnamen sei kein Thema. Allerdings mit dem süffisanten Zusatz, "irgendwann" in Zukunft sei das durchaus nicht auszuschließen.
Schon solche vagen Voraussagen reichen in der alten Krönungsstadt der preußischen Könige, um im linken Lager eine Protestlawine auszulösen. Kommunisten und der nationalistische Volkspatriotische Bund schäumten, als stünde die Rückgabe Russisch-Ostpreußens an Deutschland bevor.
Kaliningrad bleibt Kaliningrad – auch wenn viele Kaliningrader es „Kenig“ nennen Doch Kaliningrad ist Kaliningrad und wird es auf absehbare Zeit auch bleiben. Der alte deutsche Name ist eher zu einem Kultwort mutiert, vor allem bei jungen Leuten: "Kenig" nennen sie ihre Stadt und sprühen es in neonbunten Graffiti an graue Wohnblockwände. Eine im gesamten Baltikum populäre Kaliningrader Hip-Hop-Band nennt sich "Kenig City Breaker".
"Kronprinz", Wrangel und "Neues Königsberg" Der Umgang mit der deutschen Geschichte ist längst Teil gelebter Alltagskultur in dieser "Stadt mit doppeltem Boden". Vor allem die Werbebranche, aber auch Touristik und Gastronomie benutzen die historischen Bezeichnungen gern. Dass Restaurants hier Kronprinz und Wrangel heißen und Hotels Kaiserhof und Oberteich, wundert in Kaliningrad schon lange niemanden mehr - von Rewin und Genossen abgesehen.
Das größte Wirtschaftsjournal der Stadt firmiert als "Nowy Konigsberg", Neues Königsberg. Und in der zweitgrößten Stadt des Kaliningrader Gebietes, Sowjetsk, heißt alles, was etwas auf sich hält vom Theater bis zum Radiosender, nach dem historischen Namen: Tilsit.
In Kaliningrad scheidet kein anderes Thema die Geister so sehr wie der geplante Wiederaufbau des Königsberger Schlosses. Seit gut drei Jahren gibt es diese Pläne, seinerzeit initiiert von dem jungen Stadtarchitekten Alexander Baschin.
Referendum über den Wiederaufbau des Königsschlosses Auch wenn der inzwischen nicht mehr im Amt ist - seit sogar Präsident Wladimir Putin an der Idee Gefallen fand, ist die Wiedergeburt des 1969 gesprengten Königsschlosses sozusagen amtlich.
Noch weiß niemand, wo die 100 Millionen Euro für den Bau herkommen sollen, doch Gouverneur Boos hält an den Plänen fest. Er stellt sich das Schloss als künftige Residenz der Gebietsregierung vor. Wie die 450 000 Einwohner der Gebietshauptstadt zu den Schlossplänen stehen, soll jetzt ein Referendum zeigen.
"Besser fünfzig Kindergärten als ein Schloss" In der öffentlichen Debatte liegen sich zwei Lager ziemlich unversöhnlich in den Haaren. Die Gegner verwünschen das Projekt als gigantische Geldverschwendung, die Befürworter fordern, man müsse der Stadt ihre historische Mitte zurückgeben - dabei schon mal gern auf das Beispiel des Berliner Stadtschlosses verweisend.
Schärfste Kritiker auch hier: Iwan Rewin und seine kommunistische Genossenschaft. Die Pläne, das Schloss wiederzuerrichten, seien töricht und sinnlos. "Wozu holen wir ein Symbol der deutschen Geschichte zurück in diese nun russische Stadt? Kaliningrad braucht diesen teuren Wahnsinn nicht. Besser fünfzig Kindergärten als ein Preußenschloss."
Die Deutschen halten sich zurück Und die Deutschen? Die bundesdeutsche Politik tut das, was sie in Königsberg-Debatten seit jeher tut: Sie hält sich heraus. Eine Umbenennung Kaliningrads in welchen Namen auch immer sei eine rein innerrussische Angelegenheit und letztlich eine Entscheidung der Kaliningrader selbst, sagte Altbundeskanzler Gerhard Schröder, als er Ende Juni während eines Besuchs der Stadt in der Technischen Universität auf die heikle Namens-Frage angesprochen wurde.
Auch Aristide Fenster, Generalkonsul der Bundesrepublik in Kaliningrad, übt sich in Sachen Schloss-Wiederaufbau in diplomatischer Zurückhaltung: "Diese Entscheidung muss von den Stadteinwohnern und den russischen Behörden getroffen werden. Sollte sie positiv ausfallen, begrüßen wir sie."
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