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Montag, 25.07.2011
Kaliningrad: Orthodoxe Kathedrale am Bahnhof geplant
Kaliningrad. Orthodoxer Umbau einer einst protestantischen Region: Das Moskauer Patriarchat will am Kaliningrader Südbahnhof eine große Kathedrale bauen. Nicht alle sind begeistert von dem Plan, auch der Staatsanwalt nicht.
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Die Kathedrale wird das 17. Gotteshaus der russischen Staatskirche im einst protestantischen Königsberg. Doch die Rechtgläubigen haben es nicht leicht in diesen Tagen in Kaliningrad.
Aneignung fremden Kircheneigentums Seit die Russisch Orthodoxe Kirche sich, ein neues Gesetz im Rücken, zahlreiche historische (deutsche) Gotteshäuser des alten Königsberg unter den Nagel riss und reihenweise Immobilien „religiöser Bedeutung“ dazu, auf denen einst Kirchen, Kapellen oder Klöster standen, schlägt ihr in Kaliningrad offener Protest entgegen.
Mit dem Neubau einer Kathedrale auf dem Platz vor dem Hauptbahnhof wollen die Staatspriester offenbar auch Befürchtungen entgegentreten, man plane die ehemalige katholische Kirche Königsbergs nach der gesetzlich erzwungenen Aneignung für eigene Zwecke umzubauen. Die historische Kirche „Zur Heiligen Familie“ birgt nicht nur eine berühmte Konzertorgel, sie ist seit den 1980er Jahren auch Sitz der Kaliningrader Philharmonie. Dessen Chefdirigent Arkadi Feldman geißelte die Okkupation seines Hauses durch die Orthodoxie öffentlich als „Raffgier“ und einen „Akt kultureller Barbarei“.
Die Orthodoxie besaß hier nie etwas Die Wellen schlugen auch deshalb so hoch, weil die Russisch Orthodoxe Kirche (ROK) im Gebiet Kaliningrad nichts „wieder“zubekommen hatte, worauf die Intention des russischen Gesetzes ja eigentlich zielt. Denn im einstigen Nord-Ostpreußen hatte Russlands von den sowjetischen Kommunisten entrechtete Kirche historisch gesehen nie etwas besessen.
Das Wiedergutmachungs-Gesetz so auszulegen, dass ehemals evangelische, katholische, baptistische deutsche Kirchen nun in orthodoxen Besitz gelangen, darunter berühmte Baudenkmale wie der wieder aufgebaute Königsberger Dom, die Wallfahrtskirche Arnau mit ihren kunsthistorisch wertvollen mittelalterlichen Fresken sowie etliche lukrative Grundstücke im Stadtzentrum Kaliningrads, an der Küste und auf der Kurischen Nehrung – das nehmen den von der Moskauer Regierung hofierten Kyrill-Priestern viele Kaliningrader übel.
Vor allem in der Kulturszene flammte wütender, am Ende freilich hilfloser Protest auf. Nun bemüht sich die rechtgläubige Priesterschaft offenbar um Schadensbegrenzung. In dem sie eigene Kirchen bauen lässt.
Grundstein ist gelegt Man betrachte die ehemalige katholische Kirche nicht als religiöses Objekt und habe auch nicht vor, sie in ein solches umzuwandeln, beeilte sich Viktor Wassiljew, Chef der Immobilienverwaltung in der Kaliningrader Eparchie der ROK, jüngst zu betonen. Darum baue man eine eigene neue Kirche in dem Stadtteil südlich des Pregel. Dort nämlich gäbe es zahlreiche kulturelle und religiöse Objekte von nichtrussischen Kirchen, aber kein einziges orthodoxes Gotteshaus.
Der Grundstein für ein patriotisches Symbol eigener Religiosität ist bereits gelegt. Bis Ende des Sommers soll auf dem Grundstück zwischen Südbahnhof und historischer Königsberger Stadtmauer eine kleine hölzerne Kapelle stehen.
Wann die eigentliche Kathedrale folgt, ist noch unklar: Laut der Eparchieverwaltung gibt es nicht einmal ein fertiges Projekt. Fest steht nur, dass es ein Kuppelbau im traditionellen Stil russischer Sakralarchitektur werden wird, der die städtebauliche Dominanz des Bahnhofsgebäudes wahren und achten soll.
Geplant ist – etappenweise innerhalb der nächsten zehn Jahre – ein ganzer Kirchenkomplex aus mehreren Gebäuden ähnlich wie am zentralen Siegesplatz: mit orthodoxer Sonntagsschule, Kinderspielplatz und mehreren gestalteten Grünanlagen.
Statt Einkaufscenter nun Gotteshaus Viele Kaliningrader sind trotzdem nicht begeistert von den göttlichen Plänen. „Warum gestaltet man die große Freifläche rings um den Bahnhof nicht als öffentliche Grünanlage mit Skulpturen und Springbrunnen um“, fragte sich jüngst jemand in einem Internet-Forum, eine durchaus exemplarische Frage: Die vielen Neubauprojekte in der Stadt zerstören Stück für Stück die ohnehin knappen grünen Erholungszonen.
Im städtebaulichen Rahmenplan Kaliningrads in seiner letzten Fassung von 2008 war auf der Grünfläche am Bahnhof ein Einkaufs- und Bürocenter vorgesehen. Gegen den hatten sich die Anwohner heftig gewehrt. Nun bekommen sie einen Kirchenkomplex.
Wenn die Staatsanwaltschaft dem nicht noch einen Riegel vorschiebt. Die hat gegen die Pläne der Gottesdiener Klage eingereicht – wegen zahlreicher juristischer Ungereimtheiten und Regelverstöße. Das ganze Verfahren wirkt verworren und kompliziert, doch es wirft ein bezeichnendes Licht auf das Projekt: Irdisch rechtlich scheinen es die Rechtgläubigen nicht allzu genau zu nehmen.
Wohin mit Herrn Kalinin? Im Hintergrund freilich dämmert eine ganz andere Frage herauf, die Neuauflage eines Showdowns gewissermaßen: Was wird aus Michail Kalinin?
Der Namenspatron der Stadt, Stalins treuer Weggefährte, steht in Form eines kolossalen Denkmals gleich nebenan – nach ihm ist der Bahnhofsplatz offiziell sogar benannt. Sollte der 1946 gestorbene Erzkommunist und Gulag-Erfinder Kalinin künftig das Portal der Kathedrale des Heiligen Sergej bewachen? Eine seltsame Vorstellung.
Das delikate Szenario dürfte den Kaliningradern bekannt vorkommen. Schon einmal, im Vorfeld der 750-Jahrfeier Kaliningrads im Frühling 2005, stellte sich diese Frage am Siegesplatz: Lenin oder die Christ-Erlöser-Kathedrale? Heute kann es jeder sehen: Lenin hat verloren.
Versteckt Kaliningrad seinen Namensgeber Es gehört nicht viel Phantasie dazu, sich vorzustellen, wie der „Kampf“ am Bahnhofsplatz ausgeht. Die alten Geister haben ausgedient in Russlands westlichster Provinz, auch wenn es manchmal noch anders scheinen mag. Es ist eigentlich nur noch die Frage, wo „Väterchen“ Kalinin Asyl findet.
Doch ein Platz, wo er den Blick auf das orthodoxe Kreuz nicht stört und selbst nicht gleich verschwinden muss, wird sich schon finden. Der fand sich auch für Lenin.
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