Wer vom Turmportal her kommend das Langhaus des Königsberger Doms betritt, erblickt dort, wo in einer Kirche gemeinhin der Altar steht, mitten in der Ostwand des Hohen Chores die Reste eines monumentalen, bis unter die Gewölbe reichendes Denkmals. Es ist das Grab Herzog Albrechts.
Viel ist nicht erhalten von der dreigeschossigen Komposition aus Nischen und Halbzirkelbögen, einst von korinthischen Säulen flankiert und einem Giebeldreieck gekrönt, in welchem das Schaffensjahr dieses Grabkunstwerks zu lesen war: 1570.
Der Königsberger Dom, und mit ihm seine kulturhistorisch kostbare Ausstattung, verglühte 1944 im Feuersturm britischer Bomben. Nach dem Krieg, aus Königsberg war Kaliningrad geworden, galt die Domruine jahrzehntelang als vogelfrei, dem Verfall preisgegeben und auch dem Vandalismus. Eine deutsche Ruine? Na und?
Offiziell symbolisierte der Dom nun eine Welt, aus dem der preußische Militarismus gewachsen war. Fotos aus den 1960er Jahren zeigen die Reste des Epithaps voller Schmiereien und Verwüstungen. Raubgräber hatten große Löcher in die einstigen Grabnischen geschlagen – auf der Suche nach dem Gold der „Faschisten“.
Pracht im Floris-Stil
Nun wollen Kaliningrader Restaurateure das zerrupfte Denkmal im Auftrag der staatlichen Dombaufirma Kafedralnyj Sobor wieder in die einstige Pracht zurückversetzen – möglichst getreu dem Original, wie es der seinerzeit europaweit berühmte flämische Bildhauer Constantin Floris 1570 geschaffen hat.
Ein Teil der „Anbauten“ ist bereits fertig, unter anderem 18 Säulen aus weißem italienischem Marmor. „Die Säulen werden wir voraussichtlich Mitte April aufbauen“, sagt Igor Odinzow, Chef von Kafedralnyj Sobor.
Eigentlich sind die Arbeiten an diesem ambitionierten Projekt schon lange im Gang: Bevor die eigentliche Restaurierung beginnen konnte, waren monatelange Recherchen in historischen Dokumenten und Abbildungen sowie aufwändige Voruntersuchungen der Reste des Denkmals vonnöten.
Dabei sei man auch auf Überraschendes gestoßen, sagt Odinzow. „Alle dachten immer, Floris habe das Denkmal zum größten Teil aus schwarzem italienischem Marmor hergestellt. Wir haben herausgefunden, dass der Marmor eigentlich rosafarben ist, er wurde nur eingefärbt. Es war also schon im 16. Jahrhundert nicht alles so echt, wie es den Anschein hat.“
Herzog Albrecht sorgte vor
Das Monument über der Albrechts-Gruft ist das größte und prächtigste aller Epitaphien im Hohen Chor, der im Dom seit jeher Begräbnis- und Gedächtnisstätte für Ostpreußens Ordenshochmeister, Fürsten und Reformatoren war.
Bildhauer Cornelius Floris konnte aus dem Vollen schöpfen: Schon in seinem Testament hatte Albrecht für die Finanzierung seiner Gruft vorsorgt und sogar den Bildhauer aus Antwerpen zu sich nach Königsberg bestellt, um mit ihm Details der gewünschten Grabgestaltung zu besprechen.
Als der Fürst am 20. März 1568 auf der Burg Tapiau (heute Gwardejsk) starb, war das Grabmal bei Floris längst bezahlt, und natürlich stand auch der Ort fest: „Wir haben für uns selbst und unsere geliebte Gemahlin eine Beerdigung im Dom der Stadt Kneiphof-Cönigsberg ausgewählet“, bestimmte Albrecht in seinem Vermächtnis.
So geschah es. Albrecht wurde im Dom bestattet. Zwei Jahre später baute Cornelius Floris dort das Epitaphium auf: eine wuchtige Komposition, über 18 Meter hoch, in der Dutzende Skulpturen und Cariatiden einen biblischen Bogen spannten von den Königen des Alten Testaments bis zum Jüngsten Gericht: Gottvater, Tod und Teufel, Sterbende und Auferstandene, Maria und Josef, die zwölf Apostel.
Daneben bekränzte Siegesgöttinnen, Schwert und Waage, Schlange und Spiegel und schließlich, aus nachtschwarzem Marmor, der Totenschädel, die Sanduhr, die Waage des Lebens: Nichts, was von pathetischer Symbolkraft ist, hat Floris ausgelassen. Das Albrechtsgrab im Königsberger Dom galt vor seiner Zerstörung als eines der bedeutendsten Meisterwerke des norddeutschen Manierismus.
Hochmeister und Luther-Fan
Ebenso wie das Grabmal im Dom ragt Herzog Albrecht I. aus der ostpreußischen Geschichte heraus als eine ihrer bedeutendsten Persönlichkeiten. Markgraf Albrecht von Brandenburg-Ansbach, ein Sproß der Hohenzollern, war 1511 zum Hochmeister des bereits durch Kriege und innere Konflikte stark geschwächten Deutschen Ordens ernannt worden.
Er sollte der Letzte dieses Amtes sein: Am 8. April 1525 löste Albrecht den Staat der Mönchsritter auf und wandelte ihn in ein weltliches Erbherzogtum um. Das brachte ihn zwar in Abhängigkeit seines Onkels, des polnischen Königs Sigismund. Doch für das säkularisierte Ordensland zwischen Weichsel und Memel brach eine neue Zeit an.
Albrecht, seit einem heimlichen Treffen mit Martin Luther ein glühender Anhänger der protestantischen Lehre, führte in Ostpreußen die Reformation ein. Der Dom zu Königsberg wurde zum Symbol für die erste evangelische Landeskirche der Welt.
So war es denn auch kein Zufall, dass just neben dem Dom 1544 auf des Herzogs Geheiß die Königsberger Universität gegründet wurde. Albrecht brauchte dringend eine theologische und politische Elite für sein protestantisches Staatswesen. Die Albertina sollte dem Landesherrn diese Elite bald liefern.
Als Denkmal schon zurückgekehrt
Das alles ist längst Geschichte, gewiss. Aber so versunken, wie sie scheint, ist sie in Kaliningrad gar nicht. An der Südostecke des Doms, wo einst die Universität stand, blickt seit 2005 eine bronzener Herzog Albrecht von seinem Sockel. Die Skulptur, finanziell aus Deutschland unterstützt und von einem Kaliningrader Bildhauer geschaffen, ist das erste neu errichtete Denkmal für eine historische Figur Königsbergs in der nun russischen Stadt.
Eigentlich hatte Dombauchef Igor Odinzow auch bei der Restaurierung des Fürstengrabs auf Hilfe aus dem Westen gehofft. Etwa von der renommierten Hamburger Zeit-Stiftung, die 1997 schon das neue Dach des Doms maßgeblich finanziert hatte.
Doch diesmal kam eine Kooperation nicht zustande. Die Zeit-Stiftung bestand darauf, bei der Restaurierung eines kunsthistorisch so bedeutsamen und anspruchsvollen Objektes wie dem Albrechts-Epitaph internationale anerkannte Experten mit einzubeziehen. Igor Odinzow hält das für unnötig. „Wir haben eigene Fachleute in Russland, die so etwas genauso gut können. Das haben wir oft genug unter Beweis gestellt.“
Ein Stück Geschichte zurückgegeben
Dass mancher ihm die Ergebnisse solcher „Eigenleistungen“ als Pfusch und Dilettantismus vorwirft, stört den resoluten Kaliningrader Dombaumeister herzlich wenig. Er hat den Dom, diesen „alten Mann auf dem Kneiphof“, zu einem Symbol des heutigen Kaliningrad gemacht. Zu einem Signet für die einzigartige Doppelbödigkeit dieser Stadt zwischen russischem „Jetzt“ und deutschem „Einst“.
Und dafür mögen viele Kaliningrader ihren Dombaumeister – trotz oder gerade wegen seiner mitunter ziemlich schroffen Eigensinnigkeit. Er hat etwas geschaffen, für die Allgemeinheit, uneigennützig – so etwas zählt viel hierzulande.
Und er hat Kaliningrad mit dem 1992 als russisch-deutsches Gemeinschaftswerk begonnenen Wiederaufbau des Königsberger Domes ein Stück Geschichte zurückgegeben.
„Man sollte ihm ein Denkmal bauen“, schrieb neulich jemand im Forum der Internet-Seite kaliningrad.ru: „Wenn wir solche Leute wie Odinzow auch in der Regierung hätten, wäre Kaliningrad besser dran.“
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