Kaliningrad-Aktuell : Na Herr Wunsch, Rückfahrkarte schon in der Tasche?
Wunsch: Sie wollen mich wohl loswerden? Ein paar Stunden Geduld bitte noch! (lacht).
Kaliningrad-Aktuell : Fünfeinhalb Jahre Kaliningrad, das war sicher eine intensive Zeit. Mit welchem Gefühl packt man da die Koffer?
Wunsch: Ich möchte das beliebte Bild bemühen: Mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Oder sollte ich besser sagen: Man soll gehen, wenn es am schönsten ist? Es waren in der Tat fünf aufregende Jahre! Kein Tag war wie der andere und zudem ist es doch wunderbar, wenn sich Arbeitsauftrag und persönliches Interesse so in Übereinstimmung bringen lassen.
Ich nehme aber auch wahr, dass das, was als Abenteuer begann, jetzt doch mehr und mehr zur Routine wird. Das Leben normalisiert sich, die Stadt erlebt einen enormen Wirtschaftsaufschwung, und das ist ja auch gut so.
Aber ganz so spannend wie am Anfang ist es halt damit auch nicht mehr, die Kaliningradspezifischen Unwägbarkeiten und Überraschungen haben abgenommen und bewegen sich auf normalrussischem Niveau. Ich freue mich darüber, für die Menschen hier.
Andererseits freue ich mich jetzt aber auch auf meine Familie, auf meine Heimatstadt Berlin. Da tut sich nämlich auch allerhand. Außerdem kehre ich Kaliningrad nicht für immer den Rücken, ganz sicher nicht.
Kaliningrad-Aktuell : Wenn Sie das Kaliningrad von 2001 mit dem gegenwärtigen vergleichen, was fällt Ihnen da ein?
Wunsch: Die Stadt ist wesentlich moderner und selbstbewusster geworden, sie ist von Aufbruchstimmung und von einem Bauboom geprägt, was im Stadtbild derzeit ja wirklich allgegenwärtig ist und der Stadt sehr gut tut. Wenngleich nicht immer im architektonischen Sinne, sondern primär in Bezug auf das Selbstverständnis innerhalb Russlands und im Verhältnis zu seinen Nachbarn, zur EU.
Das war vor fünf Jahren noch längst nicht so. Kaliningrad, das war – zumindest in den Augen der westeuropäischen Presse – die Schmuddelstadt, eine Not-und-Elend-Exklave voll Kriminalität, in der allenfalls HIV- oder TBC-Viren blühten, und in der von den Deutschen alles an Königsberg gemessen wurde. Entsprechend war das Image Kaliningrads in Deutschland oder Westeuropa. Es war schlichtweg im Keller.
Und andersherum, aus der Innensicht nach außen, vor der damals nahenden, aus der Kaliningrader Gefühlslage eher drohenden EU-Erweiterung: Was gab es da nicht alles für Schreckensszenarien bezüglich einer Isolation des Gebietes, die jegliche Entwicklung behindern oder gar unmöglich machen werde. Sogar eine Untertunnelung Litauens war vorgeschlagen worden!
Stattdessen erleben die Stadt und zumindest teilweise auch schon das Gebiet nun einen Aufbruch und ein kräftiges Wirtschaftswachstum! Diese Entwicklung hätte ich so kaum für möglich gehalten.
Vielleicht kam den letzten fünf Jahren eine Schlüsselrolle für die Perspektive Kaliningrads zu. Das lässt sich gut an drei Ereignissen festmachen: Erstens die Aufnahme Polens und der baltischen Republiken in die EU im Jahr 2004.
Die langen Debatten davor und danach haben sicher das Bewusstsein für die Notwendigkeit einer Entwicklung dieser Exklave auf beiden Seiten, also in Moskau und Brüssel, gestärkt und letztlich vielleicht dazu geführt, dass Präsident Putin das Kaliningrader Gebiet zur Modellregion russisch-europäischer Beziehungen erklärte.
Dann, ein Jahr später, das große Stadtjubiläum 750 Jahre Kaliningrad-Königsberg, das bei allem Lavieren um das Erinnern an die deutsche Geschichte der Stadt nicht umhin kam und ein für mich und vielleicht auch für Kaliningrader ebenso wie für Königsberger unerwartet heiteres und versöhnliches Fest war.
Noch ein Jahr später wiederum, 2006, sozusagen die postsowjetische Fortsetzung des historischen Gedenkens mit dem 60. Jubiläum der Gründung des Kaliningrader Gebietes. Diese drei Ereignisse markieren meiner Meinung nach sehr gut, was sich in den letzten fünf Jahren verändert hat.
Die Stadt beginnt in der russischen Normalität anzukommen, ohne allerdings ihre besondere Geschichte zu verleugnen. Für die meisten Kaliningrader ist Königsberg ein selbstverständlicher Teil der Stadtgeschichte geworden, man geht hier weitgehend unverkrampft mit diesem Thema um.
Was sollte man auch sonst tun? Die Zeit des Leugnens ist vorbei! Dazu hat sicher auch die 750-Jahrfeier viel beigetragen. Ich bin froh, diese Zeit großer Veränderungen für diese Stadt hier miterlebt und als Direktor des Deutsch-Russischen Hauses auch ein Stückchen aktiv begleitet haben zu dürfen.
K-A : Wo stand und steht in solchen Umbruchszeiten das Deutsch-Russische Haus?
Wunsch: Mittlerweile an dem Platz, der ihm gebührt. Auch da hat sich gottlob vieles normalisiert. Wir waren ja in den ersten Jahren in der Außenwahrnehmung lange eine Art Mischung aus Goethe-Institut und Generalkonsulat, ja man könnte fast sagen, Mädchen für alles, was die Deutschen in Kaliningrad betraf.
Wenn ein Deutscher seinen Pass verlor, einen Unfall hatte oder sonst welche Probleme, wo schickte man ihn hin? Ins Deutsch Russische Haus! Die Leute kamen wirklich mit allen möglichen Fragen zu uns. Das hat uns zwar geschmeichelt, war oft auch ganz spannend und natürlich haben wir geholfen, wo wir konnten. Doch die deutsche Vertretung zu sein war natürlich nicht unsere Aufgabe.
Seit der Amtseinführung des deutschen Generalkonsuls – damals übrigens durch Joschka Fischer im Deutsch-Russischen Haus – hat sich auf diesem Gebiet glücklicherweise viel geordnet. Wir können uns auf das unser eigentliches Profil als Dienstleister und Kultureinrichtung für Russlanddeutsche sowie Einwohner – frühere und heutige – und Gäste von Stadt und Gebiet konzentrieren.
Dazu gehören Deutsch-Sprachkurse und Qualifizierung ebenso wie Arbeit mit Jugendlichen im Bereich Gesundheit oder Umweltschutz. Unsere kulturellen Angebote wie Lesungen, inklusive Nobelpreisträger übrigens, Konzerte und Ausstellungen sind für jeden offen, kostenlos, aber nicht umsonst. Und werden von vielen Kaliningradern besucht.
Viele Veranstaltungen führen wir gemeinsam mit dem Generalkonsulat oder auch der Delegation der deutschen Wirtschaft durch, ich denke da an das große Fest zur Eröffnung der Fußball-WM oder den monatlich bei uns tagenden Deutschen Wirtschaftskreis.
Auch Stadtverwaltung und Gebietsregierung sind bei uns regelmäßig mit Veranstaltungen zu Gast. Das Deutsch-Russische Haus ist aus meiner Sicht ein wesentlicher Bestandteil des hiesigen, auch überregionalen Kulturkalenders, und das in einer Selbstverständlichkeit, auf die wir durchaus stolz sein können und es auch sind.
K-A : Trotzdem meidet der Gouverneur Ihr Haus. Kurz nach seinem Amtsantritt mokierte er sich sogar über den Namen und hätte es am liebsten in Russisch-Deutsches Haus umbenannt gesehen. So ganz entspannt ist das Verhältnis zur Gebietsregierung demnach nicht.
Wunsch: Wir freuen uns, dass der Gouverneur trotz seiner verantwortungsvollen Amtsgeschäfte Zeit hat, auch an das Deutsch-Russische Haus zu denken. Er ist uns jederzeit ein willkommener Gast! Seine Anmerkung haben wir zu Kenntnis genommen.
Ebenso auch seine Aussage, dass die deutsche Seite das Haus nennen kann, wie sie es will, da sie es ja auch finanziert. Unsere Namensgebung sollte man auch nicht überbewerten. Wichtig ist doch, was drinnen passiert, nicht, was draußen dran steht!
Fortsetzung des Interviews am Montag bei Russland-Aktuell
Interview: Thoralf Plath (tp/.rufo/Kaliningrad)
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