Russland-Durchblick
aus deutscher Sicht
noch mehr gibt’s bei www.aktuell.ru


Peter Wunsch nimmt nach 5,5 Jahren Abschied von Kaliningrad (Foto: tp/.rufo)
Montag, 03.12.2007

Wunsch-Bilanz: 5 Jahre Kaliningrad im DRH (2.Teil)

Kaliningrad. Einer der populärsten Deutschen in Kaliningrad geht: Für Peter Wunsch endet im Dezember nach 5,5 Jahren seine Dienstzeit als Direktor des Deutsch-Russischen Hauses. Wir haben den der 40jährigen interviewt.

Kaliningrad- Aktuell: Russland durchlebt politisch derzeit schwierige Zeiten, Moskau revitalisiert alte Weltmacht-Ansprüche, was auch in Kaliningrad an markigen patriotischen, nicht besonders westfreundlichen Parolen spürbar ist. Wie haben Sie das erlebt – als Direktor eines Hauses, das sich dem offenen gesellschaftlichen Dialog verschrieben hat?

Wunsch: Zunächst einmal legen wir seit jeher Wert darauf, als Deutsch-Russisches Haus keine politischen Botschaften zu vermitteln. Unsere Veranstaltungen tragen primär kulturellen Charakter; politisch sind wir wertfrei, soweit so etwas möglich ist, wenn man sich den ursprünglichen Wortsinn betrachtet.

Da jedoch alle, wie man sie hier nennt, „Machtorgane“ von Anbeginn wissen, dass wir nur mit ihnen arbeiten und nicht gegen sie, können wir unabhängig von etwaigen politischen Entwicklungen gelassen bleiben und davon unbeeinflusst ohne Störungen arbeiten.

Kaliningrad- Aktuell: Das Deutsch-Russische Haus könnte man angesichts der Vielfalt seiner Veranstaltungen als eine Art „Haus Europa“ in Kaliningrad bezeichnen, gegründet wurde es allerdings vordergründig als kulturelle Heimstatt der Russlanddeutschen im Kaliningrader Gebiet. Welche Rolle spielt dieses Thema heute noch?

Wunsch: Das ist richtig, als das Deutsch-Russische Haus 1993 gegründet wurde, geschah dies mit dem Ziel, die deutschstämmige Minderheit zu fördern. Anfang der 1990er Jahre zogen viele Russlanddeutsche in das Kaliningrader Gebiet, die meisten von ihnen aus Kasachstan und den ehemaligen mittelasiatischen Sowjetrepubliken. Für diese Menschen sollte das Deutsch-Russische Haus eine Begegnungsstätte sein.

Doch von Beginn richtete sich unsere Arbeit auch an die Menschen der Stadt und die Einwohner des Kaliningrader Gebietes. Nationalität, Glaube, Geschlecht oder Alter spielen bei uns nicht die Hauptrolle! Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Dass das Angebot inzwischen weit über das russlanddeutsche Thema hinaus reicht, ist ja durchaus nahe liegend in dieser Vielvölkerregion Kaliningrad, die als Königsberg fast sieben Jahrhunderte eine vitale Bedeutung im europäischen Geistesleben hatte. Doch mit den Kerninhalten unserer Programmarbeit, vor allem den Deutsch-Sprachkursen, sind wir unserem Gründungsthema treu geblieben.

Heute leben etwa 10.000 Russlanddeutsche im Kaliningrader Gebiet. Da sie nicht nur in der Gebietshauptstadt wohnen, unterstützen wir ein Netz von neun Begegnungsstätten in allen größeren Städten des Gebietes.

Kaliningrad- Aktuell: Die Zahl der Ausstellungen, Konzerte in den letzten fünf Jahren ist kaum zu überblicken. Ihre persönlichen Höhepunkte?

Wunsch: Einen bleibenden Eindruck hat sicherlich das Jubiläumsjahr 2005 unter dem Logo des wunderbar restaurierten Königstores hinterlassen. Gefreut habe ich mich auch, die Autorin und Filmemacherin Ulla Lachauer zu einer Lesung ins Haus bekommen zu haben, das war ein großer Wunsch von mir. Sie hat ja mit ihren beiden Büchern „Die Brücke von Tilsit“ und „Paradiesstraße“ zwei der lesenswertesten Titel der letzten Jahre über diese Region bzw. über Russlanddeutsche geschrieben.

Sehr gerne hätten wir auch meinen Lieblingsschriftsteller, den jüngst verstorbenen Walter Kempowski, an den Pregel gelockt. Ein schöner Höhepunkt war auch, dass wir in diesem Jahr anlässlich des Friedens von Tilsit in verschiedenen Projekten nicht nur das Eintreten von Zar Alexander I. für den Fortbestand Preußens, sondern auch die preußische Königin Luise thematisieren konnten.

Das lag mir – weil Sie mich nach persönlichen Höhepunkten fragen – sehr am Herzen, nicht zuletzt deshalb, weil meine jüngere Tochter Luise heißt und im Königsberger Dom als erstes Kind nach dem Krieg getauft worden ist.

Auch ansonsten waren tolle Geschichten dabei, die Lesungen von Günter Grass etwa und auch von Thomas Brussig, die Ausstellungen des SPIEGEL und von Nikolaus Hipp oder erst kürzlich der Abend mit Jürgen Manthey, dem Autor eines der fundiertesten Königsberg-Bücher überhaupt. Dies waren echte Höhepunkte im Pogramm unseres Hauses, und entsprechend gut besucht.

Ich möchte bei dieser Gelegenheit betonen, dass dies nicht allein mein Verdienst war. Ohne unsere Mitarbeiter und zahlreichen Partner in Russland, Deutschland, Polen oder Litauen, denen ich an dieser Stelle ganz herzlich danken möchte, wäre unsere Arbeit nicht möglich gewesen!

Meine persönliche Herzensangelegenheit war zudem stets der Ausbau unserer kleinen Bibliothek, die wohl in Kaliningrad ihresgleichen sucht. Doch letztlich dient alles ja vor allem einem Zweck: das deutsch-russische Verständnis ein wenig zu fördern und für Kaliningrad und Königsberg gleichermaßen zu werben.

K-A: Werbung für Königsberg? Eine schwierige Rolle für ein politisch neutrales Deutsch-Russisches Haus in einer russischen Region mit deutscher Geschichte.

Wunsch: Durchaus nicht. Ich finde, gerade das Deutsch-Russische Haus sollte der Geschichte dieser Stadt mit verschiedenen Veranstaltungen ein Forum bieten, das erwarten viele Einwohner Kaliningrads im Übrigen auch von uns. Königsberg, Ostpreußen, das ist Geschichte, nicht mehr, aber eben auch nicht weniger.

Geschichte ist nicht minder wichtig als Gegenwart oder Zukunft. Nicht als Selbstzweck, sondern um aus ihr zu lernen. Das ist gerade in einer Region wie dem Kaliningrader Gebiet, in der Vergangenheit jahrzehntelang tabuisiert wurde, sehr deutlich spürbar.

Wir wollen auch in diesem Sinne Begegnungsstätte sein, viele alte Königsberger besuchen unser Haus und treffen sich mit Kaliningradern, andersherum interessieren sich Kaliningrader für die Geschichte ihrer Stadt, kommen in unsere Bibliothek, in Ausstellungen mit Königsberger Themenbezug oder zu den Vorträgen der hiesigen Heimatkundler.

Ich selbst sehe es als große Bereicherung meiner fünf Dienstjahre hier an, mich sehr intensiv mit der ostpreußischen Geschichte und ihren Zeugnissen beschäftigt haben zu können. Ich habe auch privat – natürlich immer mit Propusk – viele Randregionen des Gebietes intensiv bereist, von der Elchniederung über die Frische Nehrung bis zur Rominter Heide.

Und ich habe hier gespürt, wie sehr die Geschichte auch die heutigen Einwohner interessiert, vor allem die jüngeren. Sie verstehen die Vergangenheit dieser Region als Teil ihrer Heimatgeschichte. Dieses Spannungsfeld erlebt zu haben, auch in seiner Widersprüchlichkeit, dafür bin ich dankbar.

Und ich nehme die Hoffnung mit, dass in diesem Spannungsfeld aus Geschichte und Gegenwart die Chance nicht nur einer bestimmten regionalen Identität, sondern vielleicht auch einer besonderen russisch-deutschen Beziehung wurzelt.

K-A: Was meinen Sie denn, wird aus Kaliningrad irgendwann wieder Königsberg?

Wunsch: Das weiß ich nicht, das müssen die Kaliningrader entscheiden. Ich habe die Stadt in all ihrer Janusköpfigkeit sehr intensiv erlebt, nicht aus der Perspektive eines Touristen und auch nicht mit dem Blick eines ehemaligen Bewohners, sondern als langjähriger Gast und Einwohner, und ich finde, soweit ich das überhaupt beurteilen darf, dies ist nicht mehr Königsberg.

Die Stadt einfach wieder umzubenennen, wäre in gewisser Weise ein Etikettenschwindel. Eine Stadt ist mehr als eine Ansammlung von Häusern. Es sind die Menschen, die in den Häusern wohnen, ihr soziales, kulturelles, wirtschaftliches Beziehungsgeflecht, das letztlich den Geist der Stadt ausmacht, und das alles hat sich seit 1945 vollständig geändert.

Königsberg ist aus meiner Sicht nicht mehr revitalisierbar oder reanimierbar, wenngleich es standortpolitisch sicher opportun wäre, sich dieser „Marke“ zu bedienen. Sicher, ich verstehe sehr gut, dass viele Menschen nicht mehr Kalinin als ihren Stadtpatron sehen wollen.

Doch ein neuer Name, man hört ja gelegentlich von Kantgrad oder Königsgrad, der wird es schwer haben, dazu ist Königsberg historisch zu gewichtig. Es ist eine schwierige Entscheidung. Aber wie gesagt, sie sollte, wenn überhaupt, dann von den Kaliningradern kommen.

K-A:Ab kommender Woche hat das Deutsch-Russische Haus einen neuen Chef, und zum ersten mal seit seiner Gründung wird der nicht mehr aus Deutschland kommen. Ist das ein Zeichen für die Wandlung zum Russisch-Deutschen Haus?

Wunsch: Wie gesagt, Namen sind Schall und Rauch! Nein, zunächst einmal wird das Deutsch-Russische Haus künftig zwei Direktoren haben: Viktor Hoffmann, unseren langjährigen Partner und Freund, als ehrenamtlichen Direktor, gewissermaßen als „Bundespräsident“; und Andrej Portnjagin, der als mein bisheriger Stellvertreter ja schon seit Jahren mit dem Thema vertraut ist, quasi als „Bundeskanzler“.

Das ist eine gute und arbeitsfähige Kombination. Mit Viktor Hoffmann kehrt das Deutsch-Russische Haus gewissermaßen zu seinen Wurzeln zurück, denn Viktor ist als Russlanddeutscher seit vielen Jahren mit den Themen der deutschen Minderheit im Kaliningrader Gebiet vertraut. Ich wünsche beiden weiterhin viel Erfolg und ein glückliches Händchen!

K-A: Wie geht’s bei Ihnen persönlich weiter?

Wunsch: Nach einer so intensiven Tätigkeit will ich mich nicht gleich in das nächste Abenteuer stürzen, sondern mir ein wenig Muße gönnen und das Erlebte sacken lassen. Mit meiner Zeit in Kaliningrad geht ja ein lang gehegter Wunsch zu Ende, den ich dank des Verständnisses meiner Familie erfüllen konnte.

Seit Jahren bin ich dafür ein Pendler zwischen Pregel und Spree. Deswegen möchte ich gerne einige Zeit en famille das Versäumte nachholen. Und ich freue mich auch darauf, nun endlich auch mal meine Heimatstadt wieder zu erleben, denn: Ich bin ein Berliner! (lacht). Und dann? Na ja, wie man hierzulande sagt: Posmotrim, oder auf gut deutsch: schaun mer mal!

(Interview: Thoralf Plath)


nach oben
Alle Berichte aus dieser Rubrik
Zurück zur Hauptseite

Rubelkurse
 39.7425
 32.9539
 30.2385
 Wetter Moskau
Stuendlich aktualisiert
Wetter Moskau
heute tagsueber

-15 °C
High
Wind: 10 km/h   -15 °C Tags
Stuendlich aktualisiert
Wetter Moskau
in der Nacht auf morgen

-23 °C
Low
Wind: SSE  21  -23 °C Nachts
Stuendlich aktualisiert
Wetter Moskau
morgen

-11  °C
High
Wind: 10 km/h   -11 °C Morgen

Der Russland-Aktuell
Nachrichten-Monitor
Samstag, 4. Februar
18:41 

Konkurrenz der Demos: Je 100.000 für und gegen Putin

Freitag, 3. Februar
18:33 

Protest-Tag: Wo und wann in Moskau demonstriert wird

17:30 

Frieren gegen Putin: Die Opposition geht auf die Straße

15:26 

Zaren-Rubel : Teuerste Münze in Deutschland versteigert

14:12 

Kälte killt: Die Todesopferzahlen steigen rasant

13:09 

Patriarch Kyrill: Orthodoxe Russen demonstrieren nicht

12:18 

Gennadi Gudkow: „Die Obrigkeit hat die Macht usurpiert“

10:32 

Putin macht Zugeständnisse: Annäherung mit Wählerliga?

08:46 

Russland und NATO einig über Transit aus Afghanistan

07:55 

Erste Moskauer Superstaus 2012: nichts geht mehr

Donnerstag, 2. Februar
18:25 

Visaanträge für Deutschland werden extern angenommen

17:07 

Blau statt grau: Neue Uniformen für Russlands Polizei

16:44 

Ukraine: Hacker erklären dem Staat den "Cyber-Krieg"

15:33 

Chodorkowski: Zweiter Wahlgang wird Putin ändern

14:21 

Kaliningrad: Universität gedenkt deutschen Ehrendoktors

13:45 

Eisige Kälte fordert erneut 20 Tote in der Ukraine

11:47 

Amtsarzt warnt vor Demonstrationen bei bitterer Kälte

11:22 

Russlands APO will im Sonderzug durch Sibirien rollen

09:51 

Gouverneur will das Gebiet Swerdlowsk umbenennen

08:45 

EU fordert Registrierung von Kandidat Jawlinski

Unseren kompletten
aktuellen News-Uberblick
finden Sie bei
Russland-News.DE

Weitere Nutzung im Internet oder Veröffentlichung auch auszugsweise
nur mit ausdrücklicher Genehmigung der Redaktion und mit Quellenangabe www.russland-aktuell.de
E-mail genügt:
Russland-Aktuell ist nicht verantwortlich für die Inhalte externer Internetseiten.

Basis-Information aus Russland und der Provinz auf deutschen Internetseiten:
www.sibirien.ru, www.wolga.ru, www.baikalsee.ru, www.kaukasus.ru, www.sotschi.ru, www.baltikum.ru, www.nowgorod.ru, www.nischni-nowgorod.ru, www.nowosibirsk.ru, www.rubel.ru, www.kultur.ru
Hintergrund zur Ukraine bei www.ukraine-aktuell.de
Background from Russia: www.russia-now.info



Warning: mysql_close(): no MySQL-Link resource supplied in /home/c001-rufo/domains/russland-aktuell.de/public_html/index.php on line 58