Moskau. Ein neuer Abriss im historischen Stadtzentrum ist geplant. Der Abrissbirne soll der einstige Herrensitz der Fürsten Wolkonski (bekannt aus Tolstois „Krieg und Frieden“) zum Opfer fallen. Die Anwohner protestieren.
Die Anwohner halten Wacht. Heute, am Dienstag, ist es ruhig. Noch gestern wäre es am Twerskoi Boulevard fast zu handgreiflichen Auseinandersetzungen gekommen. Dort standen nämlich schon um 7 Uhr morgens rund 20 Anwohner und Denkmalschützer in einem versteckten Hof des Hauses Nummer 17, dort, wo sich der Herrensitz der Wolkonskis befindet.
Konflikt um den Abriss
Kurz danach erschien ein Kipplastwagen mit einem Baugerüst. Da der Hof zu klein ist, um mit schwerer Technik das Gebäude einzureißen, wollten die Bauarbeiter auf einem Gerüst das Haus per Hand demontieren.
Doch dies konnten die Anwohner verhindern. Sie stellten sich vor den Kipper und blockierten das Ausladen von den Gestellen. Schon seit Freitag dauert der Streit zwischen Bauarbeitern und Anwohnern.
Möglicher Inspirationsort für Tolstoi
Das Gut besteht aus vier Bauten. Das Haupthaus stammt aus dem 17. Jahrhundert und ist ein Architekturdenkmal. Abriss droht dem später gebauten Teil dieses Komplexes – dem nur wenige Meter vom Haupthaus liegenden vierstöckigen Gebäude aus dem 19. Jahrhundert, das offiziell keinen Schutzstatus hat.
Nach Meinung eines der Teilnehmer der Montagsaktion, des Stadthistorikers Sergej Brel, sei der Herrensitz als Ensemble aber historisch wertvoll genug, um in seiner vollständigen Form erhalten zu bleiben.
„Das Gut wechselte mehrere Besitzer, aber im 18. und im frühen 19. Jahrhundert gehörte es der bekannten Fürstenfamilie Wolkonski. Leo Tolstoi soll hier mehrmals zu Besuch gewesen sein. Einer der Vertreter dieser Familie, Nikolai Wolkonski, gilt als Vorbild für Andrej Bolkonski, einem der Haupthelden aus Tolstois Roman „Krieg und Frieden“, so Brel.
Abriss zur Auflockerung des Bezirks?
Wie die städtischen Behörden die Anwohner wenige Tage zuvor informiert hatten, wird das 150jährige Gebäude „zum Zweck einer Bezirksentdichtung“ abgerissen: es stehe zu nah an den benachbarten Häuser.
Ein derartiges Argument für den Abriss eines Gebäudes im historischen Zentrum hören die Moskauer das erste Mal. Bisher wurden die elitären Stadtviertel im Zentrum nur durch Neubauten immer weiter verdichtet. Die Demonstranten glaubten jedenfalls nicht an die Erklärung der Behörden.
Anwohner vermuten geplanten Neubau
„Es kann nicht sein, dass am Twerskoi Boulevard eine Fläche geräumt wird, damit da nur ein übliches Blumenbeet entsteht! Sie haben sicher schon einen Investor für das Territorium, nur wir werden nicht informiert!“ empörte sich am Montag vor dem Kipper der Hausälteste aus dem Haus 17, Georgi Jewgenjew.
Wenn die Bauarbeiten beginnen, so können sie seiner Meinung nach auch das Hauptgebäude der Wolkonskis bedrohen: die alten Mauern würden die in der Nähe arbeitenden Bagger und Presslufthämmer einfach nicht überstehen.
„So werden bei uns Flächen für mögliche Baustellen erweitert, wo es durch Denkmalschutzgesetz verboten ist,“ klagte Jewgenjew.
Denkmalschutzbehörde stoppt Abriss
Die städtische Erbeschutzbehörde hat auf die Anrufe der Abrissgegner inzwischen reagiert, nachdem das Thema bereits in mehreren TV-Nachrichten gekommen war.
Der Leiter der Denkmalschutzbehörde, Waleri Schewtschuk, teilte mit, dass der von der Stadt beauftragten Firma die notwendigen Genehmigungen zu den Abrissarbeiten fehlten. Das Haus sei außerdem nicht einmal für baufällig erklärt worden.
Mit einem Schreiben ließ die Behörde den Abbau sofort stoppen. Um drei Uhr nachmittags drehte der Kippwagen um und verließ nicht ausgeladen den Hof.
Aufgehoben oder aufgeschoben?
Wie Schewtschuk am selben Tag noch mitteilte, gehöre auch dieses Haus zur Denkmalschutzzone des Wolkonski-Guts und dürfe nur restauriert werden. Im Schreiben seiner Behörde steht allerdings, dass der Aufschub nur gültig ist, „bis Verletzungen in der Dokumentation beseitigt werden.“
Nun fürchten die Einwohner, dass der Abriss wieder beginnen kann, wenn die erste Empörungswelle durch beruhigende Aussagen der Beamten verebbt ist. „Der heutige Erfolg ist nur vorläufig. An den nächsten Tagen darf die Wache sowieso nicht aufgehoben werden“, warnt einer der Teilnehmer der Denkmalwache.