Ein „architektonisches Ereignis“ hatte die zweite Mariinski-Bühne einst werden sollen, ein Glanzpunkt der modernen Architektur. Geblieben ist ein durch und durch funktionales Gebäude, das sich (nicht nur topografisch) hinter dem alten Hauptgebäude versteckt.
Am Freitag stellte Jack Diamond den Architektur-Honoratioren von St. Petersburg das vor, was von der ursprünglichen mutigen „goldenen“ Vision Perraults geblieben ist: einen schlichten Würfel mit schlichten Fassaden.
Während der funktionale Teil des Gebäudes keine Kritik hervorruft, sind es gerade die Fassaden, die den Architekten nicht schmecken. Alle vier Varianten (ohne Fenster, mit kleinen oder großen Fenstern und vollständig verglast) stießen auf wenig Gegenliebe.
Wie Quasimodo und der Apoll von Belvedere Hier einige der Kommentare: „Das ist keine Architektur“, „ein einzige Enttäuschung“, „uns hätte man mit solch einem Entwurf nicht über die Schwelle gelassen“, „das kann jeder Student der Akademie der Künste im zweiten Studienjahr malen“.
Aber nicht nur Diamond wurde als „schuldig“ befunden. Ein Architekt brachte sehr bildlich auf den Punkt, wo die Krux der ganzen großen Architekturwettbewerbe, die St. Petersburg in den letzten Jahren ausschrieben lies, wirklich liegt:
„Das wichtigste und traurige Fazit aus der Geschichte mit dem Mariinski liegt darin, dass unsere Ausschreibungen richtigen Architekturwettbewerben ähneln, wie Quasimodo dem Apoll von Belvedere!“
Ein Armutszeugnis für den Petersburger Städtebau Der Ärger der Petersburger Architekten ist verständlich. Denn erstens ist Diamonds Entwurf bereits so gut wie ab gesegnet, Modifikationen können sind nur noch für Details möglich (wie etwa das endgültige Aussehen der Fassaden). Die Anhörung beim Architekturbeirat wird damit zu einer reinen Formalität.
Das kann den Architekten natürlich nicht behagen, zumal da auch die verletzte Ehre derer zum Vorschein kommt, die mit ihren eigenen Entwürfen kein Gehör gefunden hatten und (wieder einmal) einem Ausländer Platz machen mussten.
Doch wichtiger ist etwas anderes: Petersburg hat sich mit seinen pompösen Architekturwettbewerben, die reihenweise mit der letztendlichen Absage an mutige und innovative Entwürfe endeten, längst um den guten Ruf gebracht.
Die Geschichte mit dem zu einem profanen Zweckbau degradierten Mariinski-2 und die Diskussion um eine längst beschlossene Sache sind ein weiterer Beweis dafür, wie schlecht es um das städtebauliche Profil der Newa-Metropole steht.
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