St. Petersburg. Mitarbeiter von Memorial gehen davon aus, dass vier Verwandte eines im Oktober ermordeten Bürgerrechtlers von russischen Sicherheitsdiensten verschleppt wurden. Sie wollen nach Straßburg ziehen.
Bei den vier Vermissten handelt es sich um Verwandte der Witwe des inguschetischen Bürgerrechtlers Makscharip Auschew, der am 25. Oktober 2009 von Unbekannten in seinem Auto erschossen worden war (Russland-Aktuell berichtete).
Sie hatten Auschews Witwe Fatima Dschanijewa nach Petersburg gebracht, wo sie ärztlich behandelt werden sollte. Nachdem sie sie bei Verwandten auf der Wassili-Insel abgeliefert hatten, wollten sie mit dem Auto zu ihrem Hotel fahren.
Dort kamen sie aber nie an, weil sie noch auf der Wassili-Insel gestoppt und mit Gewalt in einen anderen Wagen gezerrt wurden. Zu diesem Schluss kommt eine unabhängige Untersuchung, die von der Menschenrechtsorganisation Memorial geführt wurde.
Wie im Kino
Wie Memorial-Mitarbeiterin Jekaterina Sokirjanskaja am Dienstag auf einer Pressekonferenz in Petersburg mitteilte, machten sie eigenständig Zeugen ausfindig, die den nächtlichen Überfall auf die Inguscheten gesehen hatten.
„Alles war wie im Kino“, zitiert Anwältin Olga Zejtlina einen Zeugen. „Aus dem anderen Auto stiegen Maskierte aus, sie waren bewaffnet. Die Männer wurden aus ihrem Wagen gezerrt, einer musste sich hinlegen, er bekam einen Schlag. Einer der Entführer filmte alles mit einer Videokamera.“
Laut Zeugenaussagen leitete während des Überfalls ein Inspektor der Verkehrspolizei den Verkehr um. Anwalt Iwan Pawlow sieht darin einen Beweis, dass die Entführung eine Aktion der Sicherheitskräfte war und nicht auf das Konto einer Verbrecherbande geht.
Bis nach Straßburg
Die offiziellen Ermittler schließen nicht aus, dass die Verwandten des ermordeten Menschenrechtlers tatsächlich tot sind. Konkrete Ergebnisse können sie bisher allerdings nicht vorlegen.
Genau dies bemängeln die Bürgerrechtler. Sie werfen den Ermittlern vor, die unabhängigen Untersuchungsergebnisse zu vernachlässigen. Sie sind gewillt, vor den Europäischen Gerichtshof in Straßburg zu ziehen, weil sie sich in Russland kein Gehör verschaffen können.
Einer der Entführten wird als Terrorist gesucht
Auch inguschetische Menschenrechtler sind der Meinung, hinter der abenteuerlichen Entführung mitten im Stadtzentrum von St. Petersburg könnten russische Sicherheitsdienste stecken. Das sei so etwas wie ein Racheakt, sagt Magomed Chasbijew, ein führender inguschetischer Oppositioneller.
Er bringt diesen Fall mit Ruslan Dschanijew in Verbindung, einen Onkel der Auschew-Witwe. Der Separatist war im September 2008 bei einem Schusswechsel getötet worden, bei dem außerdem vier Angehörige einer Sondermiliztruppe ums Leben gekommen waren.
„Sich an den Verwandten von Untergrundkämpfern zu rächen, ist bei den russischen Sicherheitskräften gang und gäbe“, so Chasbijew. Dafür spräche auch, dass nach einem der verschleppten Inguscheten seit Anfang Januar nicht als Vermisster gesucht, sondern als Terrorist gefahndet wird.