Betroffen von dem seltsamen Übel sind Bewohner der obersten Etagen des schicken neuen Wohnviertels „Jubilejny kwartal“. Dort entstehen 13 Wohnhäuser der „Komfort-Klasse“ für insgesamt 25.000 Menschen.
Für viele, die sich glücklich wähnten, sich eine neue Bleibe in dem modernen Viertel leisten zu können, ist die Situation eine herbe Ernüchterung. Das Petersburger Internetportal Fontanka.ru bekommt verzweifelte Briefe und ist den Beschwerden der Bewohner nachgegangen.
Es stinkt nach Pipi… „In Kolomjagi riecht es um 18 Uhr deutlich nach totem Vieh und Abwasser“, heißt es z. B. Oder: „An der Wyborger Chaussee kriegen wir seit dem Wochenende keine Luft.“ Und: „Ein furchtbarer Geruch im Primorsker Stadtbezirk!“
Bei einem Bewohner der 23. Etage am Komendantski Prospekt stinkt es schon seit Dezember, weiß Fontanka zu berichten. Es war bei der Erstbegehung der Wohnung, die der Mann dann auch kaufte. Schon in dem Moment „roch es stark nach Urin“, aber der Vertreter des Bauunternehmens konnte ihn beruhigen: Der Geruch würde sich geben.
Das tat er nicht – nun ist es Ende April und es stinkt immer noch „nach Pisse“, um es grob auszudrücken. „Wir müssen ständig die Fenster offenhalten; wenn wir das vergessen, wird der Gestank immer stärker und schier unerträglich“, beklagt sich der Bewohner.
„Wir haben uns die Wohnung im September angesehen; schon da stank es nach Ammoniak, dass die Augen tränten. Vor einer Woche sind wir eingezogen – es stinkt immer noch. Ich kriege keine Luft und huste. Wir überlegen, ob wir vor Gericht gehen“, sagt eine andere Betroffene.
Wunderliche Dinge passieren auf der Welt Der Erbauer des Hauses, das führende Petersburger Bauunternehmen LenSpezSmu, erklärt dazu, sie seien „mit der Situation vertraut“ und würden „innerhalb von 7-10 Arbeitstagen eine Expertise anfertigen“, um die Gründe für die dicke Luft im Viertel zu ermitteln.
Experten mutmaßen derweil, woher der Gestank kommen könnte. Es könnte an einer Beimischung im Beton liegen oder an einem „spezifischen Zement“ oder auch am Sand. Eduard Bolschakow von der Zeitschrift „Alitinform: Zement, Beton, Trockenmischungen“ meint: „Es glaube nicht, dass es an den Beimischungen liegt.
Antifrostbeimischungen machen drei bis vier Prozent vom Mörtel aus; selbst wenn sie so einen Effekt auslösen würden, käme es nicht zu Erstickungsanfällen. Der Sand macht im Mörtel allerdings 40 Prozent aus. Woher kann da Harnstoff kommen? Vielleicht aus einer Sandgrube, wo nebenan Schadstoffe abgeladen wurden. Es gibt die wunderlichsten Dinge auf der Welt.“
Ammoniak im Estrich Die Verwaltung des Häuserkomplexes, eine Tochterstruktur von LenSpezSmu, hatte nach Angaben der Bewohner im März bereits eine Expertenerklärung in Umlauf gebracht, in der es hieß, der Gestank käme im „erhöhten Anteil von Ammoniak in der Beton-Estrichschicht“.
Plötzlich sei die Erklärung aber aus dem Umlauf genommen worden. Die Verwaltung und das Bauunternehmen schweigen sich aus. Allein – der unangenehme Geruch bleibt und macht das Leben im „Komfort“-Viertel zur Hölle.
|