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Schotten dicht: Bei Hochwassergefahr wird die Zufahrt zur Newa-Bucht vor St. Petersburg jetzt abgeriegelt (Foto: dambaspb.ru)
Sonntag, 14.08.2011

Putin macht‘s möglich: St. Petersburg ist verdammt

St. Petersburg. Genau 50 Jahre nach dem Bau der Berliner Mauer teilt Russland mit einem neuen Bollwerk keine Stadt, sondern die Ostsee: Der 25 Kilometer lange Flutschutz-Damm vor St. Petersburg ist fertig.

Bei einem Festakt auf dem Damm erklärte Premierminister Wladimir Putin am Freitag gleich zwei Jahrhundertbaustellen auf einen Streich für vollendet: Einerseits der schon 1979 unter dem sperrigen Titel „Anlagenkomplex zum Schutz Leningrads vor Hochwasser“ begonnene Damm, andererseits die 140 Kilometer lange Ringautobahn um die Fünfmillionen-Stadt.

Denn über das gigantische Flutbollwerk, das sich auf 25 Kilometer Länge quer durch die Newa-Bucht vor St. Petersburg zieht, verläuft auch der bisher noch fehlende Westabschnitt der Autobahn.

1824 und 1924 stand die Stadt unter Wasser


Die größte Stadt im Ostseeraum soll durch das Bauwerk heute vor gleich zwei Flut-Arten geschützt werden: Zum einen sind dies die durchschnittlich einmal pro Jahr bei bestimmten Sturmlagen aus Westen heran rollenden Flutwellen. Sie entstehen, wenn der Wind das Wasser in den immer schmaler und flacher werdenden Ostzipfel der Ostsee drückt – wo es auf die hier mündende Newa trifft. Und die führt soviel Wasser wie der Rhein.

Es war einmal: Bei einem Hochwasser 2007 schwappt die Newa beinahe über (Foto: ld/.rufo)
Ab einem Anstieg des Pegels auf 1,60 Meter Höhe spricht man in Petersburg von Hochwasser. Ab etwa 2,00 Meter schwappt die Newa über die Ufer. Im extremsten Fall, er ereignete sich 1824, stieg das Wasser innerhalb von Stunden auf bis zu 4,21 Meter – an die tausend Menschen ertranken.

Genau 100 Jahre später schwappte 1924 eine 3,80 Meter hohe Welle durch die Stadt. Denn Petersburgs weitläufiges historisches Zentrum, reich an Bauschätzen und Museen wie der Eremitage, liegt nur drei bis fünf Meter über dem Meeresspiegel.

Eine Wand gegen die Ostsee-Stürme


Die nächsten Jahrhundertfluten sollen nun an dem Schutzwall im Meer abprallen – sofern sie nicht höher werden als 4,55 Meter. Die Häufigkeit von Fluten habe sich in den letzten 25 Jahren drastisch erhöht, heißt es zur Rechtfertigung des Bauwerks – das Klima wird immer unberechenbarer, weshalb das „Nördliche Venedig“ gut daran tue, sich abzusichern.

Doppelter Nutzen: Der Damm als Verkehrs-Bypass


Zum anderen soll „der Damm“, wie ihn die Petersburger schlicht nennen, die Stadt nun auch Tag für Tag vor Verkehrsfluten schützen, die man sich zu Breschnjews Zeiten noch gar nicht ausmalen konnte: Nun gibt es einen neuen Weg vom Norden in den Süden der Stadt – und auch der Transitverkehr von Finnland nach Moskau kann die Strecke übers Meer nehmen.

Die Autofahrer passieren dabei ein Bauwerk, wie man es in Russland noch nicht gesehen hat: Ein 1,2 Kilometer langer sechsspuriger Autobahntunnel quert 25 Meter unter dem Wasserspiegel die Fahrrinne, durch die Hochseeschiffe den Petersburger Hafen ansteuern.

Das zweite kleinere Schiffahrtstor wird bei Bedarf von unten hochgezogen (Foto: dambaspb.ru)

Acht Durchlässe machen bei Sturm dicht


Oberirdisch befindet sich an dieser Stelle das Herzstück des Dammes: Ein Tor, das mit zwei schwenkbaren, je 3000 Tonnen schweren Flügeln innerhalb von 70 Minuten den 16 Meter tiefen Wasserweg verriegeln kann, wenn die Springflut heran rollt.

Verrammelt werden dann auch sechs Wasserdurchlässe und ein weiteres Schifffahrtstor für die Küstenschifffahrt. Im geöffneten Zustand, so versichern die staatlichen Dammbauer, gewähren sie hinreichenden Durchfluss und Durchmischung des Wassers: Die Ängste, die nun faktisch von der See abgetrennte Newa-Bucht würde sich in eine Kloake verwandeln, seien unbegründet.

Angst vor der Kloake: Der Damm wird zur Schrotthalde


Wegen dieser Umweltschutzbedenken war in der Glasnost-Zeit unter Michail Gorbatschow das 1979 begonnene Projekt auf Eis gelegt worden. In den 1990er Jahren war dann schlichtweg kein Geld für die Großbaustelle vorhanden – bis sich Präsident Wladimir Putin 2005 des Dammes annahm. Auch er habe damals Zweifel gehabt, dass man diese Baustelle reanimieren könne: „Das war eine Müllkippe aus Stahlbetonteilen und Eisenschrott“, erinnerte sich der Premier bei der Einweihung.

Flutschutz tut Not: Petersburg wächst traditionell immer weiter ins Meer hinaus - hier ein Modell der ebenfalls umstrittenen Landerweiterung samt Passagierhafen an der Wassili-Insel  (Foto: Archiv/.rufo)

Heute gilt das Milliardenprojekt als richtig


Der Bau wurde wieder angekurbelt, seit 2007 flossen ca. 2,6 Mrd. Euro in das Bauwerk – manches davon allerdings nicht unbedingt zweckbestimmt, wie der Rechnungshof bemängelte. An der Finanzierung beteiligte sich zu etwa einem Zehntel die europäische Entwicklungsbank EBRD – nachdem holländische Gutachter nachgewiesen hatten, dass der fertig gebaute Damm zumindest weniger Umweltprobleme bereiten wird als der halbfertige.

Hauptsache, die Stadt ist stubenrein


Denn der Wasseraustausch in der höchstens fünf Meter tiefen Bucht ist so oder so gering – für die Wasserqualität ist es viel entscheidender, wie gut die Großstadt an ihrem Ufer ihr Abwasser klärt. Und dieses Problem hat man inzwischen im Griff: Anders als zu Sowjetzeiten, als die Industriemetropole ihre Kanalisation weitgehend unbehandelt in die Bucht entleerte, schickt St. Petersburg heute faktisch 100 Prozent seiner Abwässer durch Kläranlagen.

Mit den Flutprognosen hapert es noch


Als Flutbarriere funktioniert der Damm schon seit einem Jahr. Im Oktober 2010 wehrte er tatsächlich eine auf Petersburg zurollende Welle erfolgreich ab.

Verschämt verschwiegen wurde bei der Eröffnung hingegen das (vielleicht letzte) Newa-Hochwasser einen Monat später: Der Pegel stieg trotz des Milliarden-Bollwerks wieder auf kritische 180 Zentimeter – einfach nur, weil der Wetterdienst es versäumt hatte, Damm- und Hafenverwaltung rechtzeitig zu warnen.


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