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Modern und effektiv, aber undurchsichtig und geheimnisumwittert - Domodedowo ist der grösste Moskauer Flughafen (Foto: Archiv/.rufo)
Montag, 25.07.2011

Airport Domodedowo: Eine Räuberpistole

Thomas Fasbender, Moskau. Über 22 Millionen Passagiere benutzen den größten Moskauer Flughafen in diesem Jahr. Die Lufthansa vertraut ihm Flotte und Fluggäste an, und seit langem gilt er als Ausweis für die Effizienz der Privatwirtschaft.

Wer weiß schon, was für eine Räuberpistole sich hinter den modernen Kulissen verbirgt?

1991 beginnt ein Student aus Jekaterinburg, dem chinesisch-russischen Kleinhandel mit Hilfe großvolumiger Flugzeuge und exzellenter Zollkontakte eine neue Dimension zu geben. Domodedowo bedient die Strecken nach Asien, Zoll und Verwaltung sind in bitterster Not – wer ist willkommener als ein junger Mann von unternehmerischem Format?

Zumal dessen Vater ein hohes Tier in der Swerdlowsker Gebietsverwaltung (Hauptstadt des Gebietes Swerdlowsk ist Jekaterinburg, Ex-Swerdlowsk) ist, ausgestattet mit guten Kontakten auch dorthin, sagt man, wo man den Cashflow des riesigen Uralmasch-Kombinats kontrolliert - zur berüchtigten Uralmasch-Mafia.

Vielleicht spielte bei der Durchsetzungsfähigkeit des Jungunternehmers und seiner Freunde auch eine Rolle, dass der russische Präsident Boris Jelzin Parteisekretär und damit oberster Chef im Gebiet Swerdlowsk/Jekaterinburg gewesen war.
Fünf Jahre später ist Domodedovo privatisiert: Hallen, Rollbahn und Flugzeugflotte für eine einzige Million Dollar (ex Schmiergelder). Völlig anders als von der Regierung festgelegt, aber einzig die Macht des Faktischen zählt.

Eigentümer ist jetzt die zypriotische East Line Ltd., ihrerseits Tochter der B.G.T. Company Ltd, ihrerseits Tochter der Liechtensteiner Offshore-Plattform Lexadmin Trust reg. Und der immer noch junge Mann namens Dmitri Kamenschtschik (Kamenshchik) regiert als Chef das dschungelartige Geflecht aus Offshore-Firmen und -Verträgen.

Er ist der ideale Strohmann: loyal, hochbegabt und kreativ. Er investiert über eine Millarde, gibt dem Flughafen sein neues, modernes Gesicht, ficht und schmust mit Politikern unterschiedlichster Couleur – und überlebt.

Während all dieser Jahre versucht die russische Staatseigentums-Verwaltung, das russische Treuhand-Pendant verzweifelt (und ohne den Hauch einer Chance), die hanebüchene Privatisierung rückgängig zu machen.

Zumindest was das Kosten-Nutzen-Verhältnis betrifft, unterscheidet sie sich ja auch nicht davon, wie andere russische Grosskonzerne und Oligarchenvermögen in den 90-igern entstanden waren.

Doch dann, irgendwann im Jahr 2010 lässt der Kreml seinen Worten allmählich Taten folgen, ähnlich wie im Fall des Moskauer Bürgermeisters Juri Luschkow, der ebenfalls lange ein Dasein über dem Gesetz genoss. Der Sprengstoffanschlag am internationalen Gate im Januar, der 37 Menschen das Leben kostet, lässt das Fass überlaufen.

Wenig später entscheidet sich der längst als Dollar-Milliardär gehandelte Kamenschtschik zur Flucht nach vorn. Für den Frühsommer 2011 wird der internationale Börsengang der Betreibergesellschaft angekündigt.

Londoner Investmentbanker putzen die Braut, PR-Berater geben ihr Schliff und Spin. Ein Viertel der Aktien im Eigentum ausländischer Investoren – neben einer Millarde Cash liegt darin die bestmögliche Zementierung des Status Quo.

Am 29. Mai 2011 wird dann der Aktienverkauf überraschend abgesagt. Am 30. Juni führt die Staatsanwaltschaft in Kamenschtschiks (Kamenshchiks) Büro eine Durchsuchung durch.

Die immer wachsamen Medien wissen sofort Bescheid. Der Kommentator der New York Times konstatiert, die Vorgänge seien ein Paradebeispiel für den krassen Mangel an Rechtsstaatlichkeit in Russland. Innovative Unternehmer würden von Gaunern aus dem Regierungsumfeld enteignet, kaum dass Unternehmen erfolgreich und profitabel seien.

Man stelle sich vor, der Frankfurter Flughafenbetreiber Fraport AG wird mehrheitlich von der kalabrischen Ndrangheta beherrscht, die Staatsanwaltschaft rückt an – und die New York Times beschuldigt das Berliner Regierungsumfeld gieriger Machenschaften.

Dmitrij Kamenschtschik hat inzwischen die Taktik geändert und sich zur Wahrheit bekannt. Er sei in der Tat nicht der Eigentümer des Flughafens, auch wenn er sich im Rahmen des IPO als solcher ausgegeben habe. Sein Arbeitsvertrag als Berater schreibe vor, dass er den Eigentümer spielt.

Und die wahren Eigentümer: "Leute, die es nicht mögen, öffentlich bekannt zu sein."

Wie deutlich soll er sich noch ausdrücken? Doch was auch immer er sagt, westlichen Medien ist es weithin schnurzwurst, wen sie verteidigen, solange sie nur Putin und der russischen Regierung am Zeug flicken können.

"Haltet den Dieb"


Die Beresowskis, Chodorkowskis und jene, die es nicht mögen, öffentlich bekannt zu sein - alle werden sie zu flauschigen Unschuldslämmern. Die Schurken und ihre PR-Berater haben die Botschaft auch längst verstanden und rufen bei jeder Gelegenheit "Haltet den Dieb". Und die Zeche? Die zahlt der Leser, der sich nach der Lektüre für klüger hält.


Die russische Übersetzung dieses Artikels ist hier >>>

Thomas Fasbender lebt seit 1992 in Moskau, ist Geschäftsführer der CHECKPOINT RUSSIA und mit regelmässigen Kommentaren auf Russland-Aktuell präsent.



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