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Ost oder West? West oder Ost? Der russische Doppeladler hat nie Orientierungsschwierigkeiten. (Foto: Archiv/.rufo)
Sonntag, 03.07.2011

Bär und Drache: Nachdenken unter Pagoden

Thomas Fasbender, Moskau. Der weiße Dunst ohne Geruch und Geschmack trübt den Blick wie grauer Star. Erst ein ausgiebiger Regen schafft Abhilfe; gänzlich unerwartet wölbt sich auch über Peking das blaue Firmament.

Dem Wahlmoskowiter erscheint das öffentliche Leben in der Stadt kaum ungewohnt. Auf Straßen und Gehsteigen die gleiche Mischung aus harmlosem Chaos und flexibler Gelassenheit. Niemand pocht auf angebliche Rechte; es wird vorausgesetzt, dass man sich zu helfen weiß. Auch das ist uns nicht fremd. Wir wissen schon lange, dass die zweieinhalb Flugstunden nach Frankfurt nur der Illusion dienen, Moskau sei eine europäische Stadt.

Der erste Besuch nach langer Zeit bestätigt den gewaltigen Sprung nach vorn. An die zehntausend Kilometer Autobahn hat China allein 2010 in den Boden gewalzt – in Russland bekommen sie nicht einmal die Verbindung ihrer zwei Hauptstädte in den Griff.

Das alles nur, weil die Chinesen noch eine funktionierende Kommunistische Partei haben? So recht will der Gedanke nicht in den Kopf.

Worin liegt dann der Unterschied, frage ich Chinesen und in Peking ansässige Ausländer. Die Einheimischen haben die wenigsten Antworten. Sie fühlen sich nicht sonderlich wohl unter Russen, der Nachbar im Norden macht Angst. Der latente Rassismus, der Europäern gegenüber nicht wirksam wird, trennt und verschreckt. Und auf russischer Seite weckt der chinesische Vormarsch alte Komplexe. Entsprechend gering ist das Wissen voneinander - der Wunsch nach Distanz und die diffuse Angst vor dem Fremden am jenseitigen Ufer eint beide Völker.

Die Ausländer verweisen auf Stereotype: Chinesen seien eben fleißiger, arbeitsamer, höflicher. Vielleicht weniger korrupt? Erzählt man, wie es in Moskau so zugeht, erweist sich das als ziemlich ähnlich. Also was erklärt, dass in Peking die Straßen schon gebaut sind, von denen die Moskauer nur träumen können?

An Geld fehlt es nicht, auch nicht an Höflichkeit. In den Moskauer Schokoladniza-Filialen lächeln die Kellner nicht minder freundlich als auf der Pekinger Gui-Straße. Und arbeitsscheu sind die Russen auch nicht.

Während der Geschäftsbesprechungen reift dann die erste Erkenntnis. Da ist ein Selbstgefühl am Werk, dass sich bei aller Bescheidenheit, aller Höflichkeit nicht verstecken lässt. Zwei Worte: Wir wollen.

Wir wollen die längste Mauer bauen, die die Welt je gesehen hat. Wir wollen Flugzeugträger konstruieren. Wir wollen zum Mars fliegen. Und wir wollen alle Rohstoffe haben, die China satt und glücklich machen.

In Russland ist der Verhandlungsstil ähnlich, aber man bevorzugt das Minimalprinzip. Steif und fest wird behauptet: "Wir können". Ein gravierender Unterschied, denn es fehlt der Impuls, der zur Handlung treibt. Ein kräftiges, einhelliges "Wir können" – das ist ein Trinkspruch, kein Aufruf zu schweißtreibender Tat.

Das russische "Wir können" geht Hand in Hand mit der Gewissheit "Wir haben": Land, Wasser, Weite, Öl, Gas, Metall und Mineralien. China hat Menschen. Die Worte "Wir wollen" verbinden zwei uralte Erfahrungen: Von Nichts kommt nichts – und The Winner Takes It All.

Betrachten wir die Welt eine Sekunde lang als Schauspiel: Dieser Wille eines Fünftels der Menschheit ist schlichtweg grandios, ungebändigt auch nach vier Jahrtausenden Zivilisation. Es gibt ihn noch, den Willen zum Sieg.

Das deutsche Pendant: Ja … aber. Oder vielleicht doch eher Nein? Mit was kann uns die Welt noch beglücken? Jede Veränderung droht Verschlechterung an; der Fortschritt führt nur noch nach unten. Selbst die warme Sommersonne hebt die Laune nicht, seit der Klimawandel aufs Gewissen drückt.

Wir sind enttäuscht. Enttäuscht von der Technik, an die wir einst so glaubten. Enttäuscht vom Himmelreich auf Erden, enttäuscht von den Politikern, enttäuscht von der Zukunft. Wie schön war es in der alten Bundesrepublik, wie gerecht in der verflossenen DDR.

Grant und Missgunst lebt in den Herzen, kein Feuer mehr. Wer an China denkt, sieht den Dunst über Peking: Freut euch nur, Chinesen, ihr werdet schon sehen, was ihr davon habt.

Eurasien bäumt sich derweil auf, unbekümmert. Bär und Drache umspannen den riesigen Kontinent in unausgesprochener Ergänzung, bei aller gefühlten Distanz. Die Tiger am Pazifik waren die Vorreiter. Im Süden schlägt Indien eigene Pflöcke ein.

Dann zappelt da noch der winzige Blinddarm, Westeuropa, und ruft sich heiser: "Hört doch auf uns". Der eingedampfte Rest aus fünf Jahrhunderten Eurozentrismus.

Wir sind die Spätgeborenen, Ja und Aber sind unser Erbteil … Ja, Aber und das billige Nein. Erreicht man damit ein Ziel?


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Thomas Fasbender lebt seit 1992 in Moskau, ist Geschäftsführer der CHECKPOINT RUSSIA und mit regelmässigen Kommentaren auf Russland-Aktuell präsent.



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