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Energiesicherheit für Deutschland und Europa dank RWE und Turkmenistan? (Foto: Archiv)
Montag, 20.04.2009

Bekommt Deutschland dank RWE Gas aus Turkmenistan?

Moskau/Aschabad. RWE will Gas in Turkmenistan fördern und direkt über die Nabucco-Pipeline beziehen. Turkmenistan will seine Lieferungen diversifizieren. Dem stehen aber Gazprom, China, Iran und das Kaspi-Meer im Wege.

Am vergangenen Donnerstag schien es für einen Moment, als sei die Energieversorgung Deutschlands dank RWE einen Riesenschritt vorangekommen. RWE-Chef Jürgen Grossmann unterzeichnete in Aschabad ein Abkommen, das ein Jahrhundertabkommen sein könnte.

RWE an Erdgasförderung im Kaspischen Meer beteiligt


RWE und Turkmenistan vereinbarten, dass RWE an der Exploration und Förderung von Erdgas im Schelfbereich des Kaspi-Meeres vor der turkmenischen Küste beteiligt wird. Das Gas könnte unter Umgehung Russlands und der Ukraine nach Europa geliefert werden.

Auf einen Schlag schienen die alten russischen Befürchtungen wahr zu werden, dass Russlands Vorherrschaft auf dem Energiesektor und in Mittelasien überhaupt umgangen wird.

Gas für Nabucco?


Damit könnte auch endlich die Gaspipeline Nabucco, die von der EU favorisiert wird, mit Gas gefüllt werden. Das schien bisher unmöglich - und damit die Rentabilität von Nabucco grundsätzlich in Frage gestellt - weil Turkmenistan durch langfristige Lieferverträge an Russland gebunden ist.

Allerdings hatte Russland selbst im April alles dafür getan, Turkmenistan in die Arme der Europäer (und Chinesen) zu treiben.

Russisch-turkmenische Verstimmungen


Anfang April erklärte Gazprom, es werde weniger Gas als bisher aus Turkmenistan beziehen. Kurz danach legte eine Explosion an der Gaspipeline "Mittelasien-Zentrum-4" die Gaslieferungen aus Turkmenistan nach Russland und weiter in die Ukraine ganz lahm. Gazprom verzögerte die Reparaturarbeiten.

Das Verhalten von Gazprom war durchaus verständlich, denn in den letzten Wochen war der Gaskonzern gezwungen, wie bisher turkmenisches Gas zum Preis von etwa 340 USD für 1.000 Kubikmeter zu beziehen, konnte dieses recht teure Gas aber nicht mehr wie bisher für 360 USD in Richtung Ukraine und Europa weiterverkaufen.

Das turkmenische Gas brachte Gasprom mit jedem gelieferten Kubikmeter mehr Verluste. Bisher hatte Gazprom das sowieso schon nicht sehr einträgliche Turkmenistan-Geschäft eher aus energiepolitisch-strategischen Interessen weiterbetrieben. Es ging darum, die Lieferung von Gas an Russland vorbei auf jeden Fall zu verhindern.

Turkmenistan kein loyaler Partner Russlands


Das Problem war aber, dass der neue Präsident der Turkmenen, Berdymuchamedow, sich um die strategischen Pläne Gazproms wenig kümmerte und insbesondere den Bau einer neuen Pipeline nach Russland partout nicht in Angriff nehmen wollte. Stattdessen erklärte er, aus den Malai-Gasfeldern Gas an China liefern zu wollen.

Das, so heisst es in Moskauer Kommentaren, habe dem Kreml und Gazprom endgültig klargemacht, dass man doch nicht auf die strategische Loyalität der Turkmenen bauen kann.

Abhängig vom Gas


Der durch die Pipelineexplosion erzwungene totale Gasexportstopp erinnerte die Turkmenen schmerzhaft an die Realitäten: Turkmenistan - und die Regierung des Berdymuchamedow - hängt fast vollständig von den Gaseinnahmen ab. Der mittelasiatische Wüstenstaat bezog bisher aus dem Export von Jährlich etwa 50 Milliarden Kubikmeter Gas an Russland etwa acht Milliarden US-Dollar.

Das Gas aber, das nicht jetzt, sondern erst im dritten oder vierten Quartal 2009 an Russland verkauft werden kann, dürfte aller Vorraussicht nach wesentlich billiger sein - für Gazprom und für Turkmenistan.

RWE-Abkommen strategisch falsch


Dass der turkmenische Präsident in dieser Situation das Abkommen mit RWE als erlösenden Befreiungschlag betrachtete - und RWE seinerseits die Vereinbarung als einzigartige Gelegenheit sah, endlich deutsche energiepolitische Interessen in Mittelasien wahrzunehmen - ist durchaus verständlich, aber vermutlich zumindest mittelfristig falsch.

Gurbanguly Berdymuchamedow - der übrigens so gut deutsch spricht, dass er im vergangenen Jahr in Deutschland mit energiepolitischen Vorträgen auf Deutsch auftreten konnte - nannte bas Abkommen mit der RWE einen wichtigen Schritt zur Diversifizierung. Die RWE lud auch gleich zur Verstärkung der Kooperationsmöglichkeiten 20 turkmenische Gasfachleute schon im April zur Fortbildung nach Deutschland ein; RWE will in Turkmenistan das Studium der deutschen Sprache fördern.

An Russland führt kein Weg vorbei


Allerdings wird sich an den Energie-Realitäten zunächst einmal wenig ändern. Der einzige Weg für turkmenisches Gas nach Europa führt auch absehbare Zeit durch Russland - obwohl eigentlich Nabucco eine kürzere und billigere Alternative sein könnte.

Die Nabucco-Trasse durch das Kaspi-Meer und die Türkei nach Europa wäre zwar um 1.400 km kürzer, als das russische Projekt South Stream (durch Russland und das Schwarze Meer).

Allerdings ist bisher der völkerrechtliche Status des Kaspischen Meeres unter den Anrainerstaaten noch umstritten. Die Verhandlungen laufen seit zwei Jahrzehnten. Die Frage ist, ob es als Meer oder als Binnengewässer behandelt werden muss, ob die Grenzen nach dem Mittellinienprinzip verlaufen sollen oder ob man eine gemeinsame Wirtschaftszone einrichtet.

Sowohl Russland, als auch der Iran könnten so den juristischen Baugrund für Nabucco blockieren.



Fraglich ist auch, ob die Gasvorkommen im Osten Turkmenistans und im Schelfgebiet des Kaspischen Meeres überhaupt so viel hergeben könnten, wie Aschabad offiziell angibt.

Wie auch immer müsste Turkmenistan seinen neuen Kurs auf Diversifizierung einige Jahre lang durchhalten, um das realisieren zu können, was in der vergangenen Woche mit der RWE in Aschabad vereinbart wurde - zunächst einmal übrigens nur in Form eines Memorandums, wie man in Moskau vermerkt.

Der Unterschied zwischen Theorie und Praxis


Zwar geben sich in Aschabad die Energie-Emissäre die Klinke in die Hand. Kaum war die RWE-Delegation abgereist, kamen schon ein hochrangiger koreanischer Vertreter und der Obama-Beauftragte Richard Boucher. Noch Ende April soll ein internationaler Energiegipfel in Aschchabad stattfinden. Aber das ist bisher nur die energiepolitische Theorie. Die Praxis sieht anders aus.

Die Gaspipeline ins immer energiehungrige China soll zwar bereits 2010 in Betrieb genommen werden. Die volle Lieferkapazität dürfte aber erst 2012 oder 2013 erreicht sein.

Aber auch das brächte noch nicht genug Gas-Dollars in den turkmenischen Staatshaushalt, um die soziale und politische Stabilität nachhaltig zu sichern.

Und die Gas-Euros sind noch fern.

Gisbert Mrozek, Moskau

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