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Rechtsextremismus fällt in Russland auf fruchtbaren Boden - weil Staat und Gesellschaft gerne wegsehen (Foto: ab/.rufo)
Sonntag, 01.03.2009

Das kann man auch in Moskau: Geh denken!

Martina Wiedemann, Moskau. Geh Denken! Diese Losung sah ich auf dem Protestmarsch gegen neonazistische Aufmärsche anläßlich des Jahrestages der Zerbombung Dresdens. Auch wenn man durch Moskau geht, lohnt das Denken sich.

In Dresden konnten damals die Opfer nicht genau gezählt werden, weil viele Flüchtlingstrecks in der Stadt waren, in Laubenkolonien unterkamen und beinahe alle den Flammentod starben.

Meine Mutter mit ihren fünf jüngeren Geschwistern kam zu spät und fand keine Aufnahme mehr in der überfüllten Stadt. Aus einem Güterzug in Richtung Chemnitz sahen sie das Inferno, dem sie durch puren Zufall entronnen waren, von Luftdruckwellen wie Federn umhergeworfen.

Gerettet durch den Krieg


Sechs Tage vorher hatten sie auf Anordnung der deutschen Verwaltung ihre schlesische Heimat verlassen müssen, weil die russische Front sich unaufhaltsam näherte. Nicht lange vor ihrer Flucht hatte sie aber eine andere Hiobsbotschaft ereilt. Der Stammbaum hatte dem neuen Lehrer, einem verwundeten Frontoffizier, nicht gefallen. Zuvor war ihr alter Lehrer mit eindeutigem Ziel abtransportiert worden, ebenfalls wegen seines Stammbaumes. Die nahe Front verhinderte die Auslöschung meiner Familie.

64 Jahre später fahren Menschen aus allen Teilen Deutschlands nach Dresden, um der Opfer der Bombennacht zu gedenken und sich den massiv aufmarschierenden Neonazis in den Weg zu stellen, die die Opfer alliierter Luftangriffe mit dem perfiden, industriell durchorganisierten Mord an den Juden gleichzusetzen versuchen.

Dabei stellen wir fest, dass die braune Pest offenbar unausrottbar ist, denn sie ist nach den Jahren der Tarnung und stillen Anpassung wieder präsent, aufmüpfig und Gewalt bereit.

Moderne Integrationsprozesse mit all ihren Schwierigkeiten kommen ihnen gerade recht. Wenn muslime Einwanderer an ihren Gepflogenheiten und moralischen Grundsätzen unverrückbar festhalten, integrationswillige Familienmitglieder grausam ermorden oder ganz allgemein straffällig werden, sind die Ewiggestrigen mit ihren Parolen und ihren Stiefeltritten zur Stelle, als hätten sie nur darauf gewartet.

Der rechte Sumpf ist in Russland fruchtbarer Boden


Diese Erscheinungen breiten sich epidemisch aus, machen vor Ländergrenzen nicht halt und gehören auch im modernen Russland leider dazu. Die rechtsradikale Szene hat beträchtliche Ausmasse angenommen.

Damit meine ich nicht nur die kahl rasierten Jugendlichen in Springerstiefeln und Bomberjacken oder gefleckten Kampfanzügen, sondern auch den Otto-Normalverbraucher (hier heisst er Iwan Pupkin), der ihnen durch seine Äußerungen und sein Verhalten den Rücken stärkt, sei es durch abfällige Bemerkungen oder saudumme rassistische Witze.

Nach dem Auseinanderfall der Sowjetunion und den wilden 90er Jahren, als in den ehemaligen asiatischen Sowjetrepubliken die Zeit um mehr als ein halbes Jahrhundert zurück gedreht wurde, suchten viele junge Leute ihr Heil in Russland, verdingten sie sich auf Märkten und Grossbaustellen, um ihre Familien daheim über Wasser zu halten.

Sie wurden ausgebeutet, hausten in feuchten Kellern oder in Baubuden und konnten ihren Arbeitsplatz nicht verlassen, selbst wenn sie frei hatten, denn ihnen fehlten wichtige Papiere.

Behörden kultivieren Ausländer-Hass auf ihre Weise


Als erste pflückten sie die Milizionäre ab, kassierten Geld, ließen sie laufen und fingen sie wieder ein. So blieb ihnen nicht viel vom schmalen Gehalt. Dann entdeckten Gewalt bereite Jugendliche sie als Opfer für ihre Hasenjagden, filmten kaltblütig mit den Handies die Folterungen, die schliesslich zum Tode führten. Die Gerichte fällten, wenn überhaupt, milde Urteile.

Nach Ausbruch der Krise entdeckten die Rechtsradikalen die Gastarbeiter als regelrechtes Übungsgelände. Sie zogen los und „klatschten“ die Asiaten auf, wie sie es nennen. In der sich demokratisch gebenden Stadt Sankt Petersburg wurden Linke und Ausländer ermordet, von der rechten Szene.

In Woronesch bezahlten Studenten aus Afrika und Lateinamerika ihren Studienaufenthalt mit dem Leben. Regt sich darüber jemand auf oder ist bereit, gegen diese Umtriebe auf die Strasse gehen? Zu selten.

Die Obrigkeit bleibt ruhig, solange sie selbst nicht bedroht ist


Dabei merken die „weißen“ Russen gar nicht, wie subversiv diese Idee ist und wie sehr sie sich gegen sie selbst richtet. Solange das Volk sich über die Ausländer aufregt oder sie erniedrigt, merkt es ja gar nicht, wie sich die eigenen Natschalniks verhalten.

Für diese Herren gelten keine Gesetze, keine Verkehrsregeln, sie jagen auf ihren „Ausflügen“ mit Jachten und Hubschraubern geschützte Wildarten, nein, sie jagen sie nicht, sie schlachten sie ab, sie selbst sind nahezu immun gegen eventuelle Untersuchungen. Und keiner prangert das öffentlich an. Aus Angst , um des lieben Friedens willen oder aus Berechnung. Wer weiss.

Und solche Natschalniks drücken lieber bei den Rechten, die eine Diktatur oder „herrschaftsmässiges“ Verhalten akzeptieren, ein Auge zu und sehen sie als kleineres Übel an.
Es ist ein wahrer Teufelskreis. Da hilft nur, seinen eigenen Kopf zu gebrauchen und Zivilcourage zu beweisen. Sind es viele, die das tun, gibt es eine Chance.

Bert Brecht hatte völlig Recht mit seiner Aussage: „Der Schoss ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.“



Dieser Kommentar von Martina Wiedemann erschien auch unter www.blog.aktuell.ru - und kann auch dort kommentiert und diskutiert werden.




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