Die Welt kann nicht aus einer Hauptstadt regiert werden
Gisbert Mrozek, Moskau. Grosse Hoffnungen verbinden sich dieser Tage in Moskau mit dem neuen US-Präsidenten und der spürbaren Entspannung im EU-Russland-Verhältnis. Aber man hat wohl verstanden, dass es auch auf Moskau ankommt.
Es könne sein, schreibt heute die Iswestija in einem Leitartikel, dass Obama den Kalten Krieg endgültig beendet; es könnte aber auch sein, dass er doch Russland als ein Imperium des Bösen hinstellt. Welchen Weg die USA einschlagen, das hänge nicht zuletzt auch vom Verhalten Russlands ab.
Obama hat es mit der Bush-Erbschaft nicht einfach
Obama habe es mit der Bush-Erbschaft nicht einfach, notieren fast alle russischen Medien mehr mit Mitgefühl, als mit Schadenfreude. Da gebe es vor allem die Riesenlast der internationalen Finanzkrise, aber auch die Kriege in Afghanistan und Irak – aus denen sich Obama nicht einfach zurückziehen könne, wenn dann anschließend der Irak in einem Meer von Blut versinkt.
Obama könnte aber für Entspannung mit Russland in der Raketenabwehrschirmfrage sorgen, er könnte auch dem abenteuerlustigen Saakaschwili die Unterstützung entziehen (worauf die europaorientierte georgische Opposition hofft) und in der Ukraine den antirussischen Druck vermindern.
Europa hat wieder einen positiven Helden im Westen – auf Kosten des Ostens?
Allerdings könnten sich sanftere Töne aus Washington für Moskau unter Umständen auch negativ auswirken. Hatte bisher George Bush die Europäer mit seiner Cowboyart verschreckt, so haben sie jetzt in Obama wieder einen positiven Helden im Westen. Der europäische Stimmungsumschwung könne auch auf Kosten Russlands gehen, befürchtet zum Beispiel die Iswestija.
Ein neues Dreiecksverhältnis Russland-USA-Europa
Drum sei besonders wichtig, dass Präsident Dmitri Medwedew ein russisch-amerikanisch-europäisches Dreiecksverhältnis vorgeschlagen habe (gemeint ist u.a. die zentrale Idee eines neuen europäisch-amerikanisch-russischen Sicherheitspaktes).
Russland müsse Kraft zeigen, ohne zu drohen. Härte beweisen, ohne verbohrt zu sein. Seine Interessen vertreten, ohne die anderer zu verletzen.
Hauptsache, die USA verstehen, dass die Welt nicht aus einer Hauptstadt regiert werden kann.
Nebenbei bemerkt ist für eine solche Konstellation heute Medwedew einfach der bessere russische Präsident als Wladimir Putin. Das könnte höchstens dann anders werden, wenn sich eine neue internationale Konfrontation entwickelt. Aber im Moment sind alle Spekulationen, Putin wolle bald wieder zurück in den Kreml, an den Haaren herbeigezogen.
So das aktuelle Credo der westorientierten Kreise in Moskau. Wie auch immer: es kommt auf Gegenseitigkeit an. Wichtig für die internationale Großwetterlage werden vor allem der EU-Russlandgipfel in Nizza und dann der Finanzkrisensummit in Washington.