St. Petersburg. Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte – von wegen: Im Falle des Hickhacks zwischen Russland und der Ukraine um gerechte Gas- und Transitpreise ist die dritte Seite vor allem eines: nervös.
Denn wenn mitten im Winter von einem Tag auf den anderen das für halb Europa unverzichtbare russische Erdgas weitgehend ausbleibt, ist Schadenfreude fehl am Platze.
Wie die beiden Staaten (respektive ihre staatlich kontrollierten Gaskonzerne) mit dem für Drittstaaten bestimmten Energieträger umgehen, hat durchaus etwas von Piraterie: Vor Somalia kapern moderne Seeräuber geschwind einmal einen proppenvollen Supertanker – während in Osteuropa Energie-Businessokraten den internationalen Gas-Transport als Geisel nehmen.
Poker-Partie auf Kosten der Europäer
Indem Russland wie die Ukraine die schönsten Argumente dafür finden, den Durchlass an die westlichen Abnehmer um die Menge x oder y zu verringern, hoffen sie, dass diese dann mehr Druck auf ihren Konfliktgegner als auf sie selbst machen.
Moskau und Kiew scheinen gegenwärtig in einem Muskelspiel gefangen, bei dem offenbar derjenige zu gewinnen hofft, der die Europäer am meisten reizt ohne dabei bei diesen das Gesicht zu verlieren.
Bei Dauer-Knatsch kassiert der Zwischenhändler weiter
Außerdem entsteht der Eindruck, dass interessierte Kreise in Kiew wie Moskau den Konflikt künstlich schürten, um zu verhindern, dass Gazprom und Naftogas in Zukunft ihre Geschäfte direkt miteinander abwickeln.
Das hatten im Herbst die Premiers Timoschenko und Putin eigentlich vereinbart. Denn noch laufen Geld und Gas zwischen Russland und der Ukraine formell über die Zwischenhändler-Firma RusUkrEnergo in der Schweiz - und deren obskure Hintermänner.
Etwas Geduld - und Alternativen täten gut
Die EU tat gut daran, sich hier als Vermittlungs-Feuerwehr zurück zu halten – aber beide Seiten gleichermaßen mit Nachdruck zur Vernunft zu rufen. Eine Lösung wird so oder so ein paar Tage dauern, solange sollten Geduld und Gasvorräte schon ausreichen.
Und als Lehre aus dem „Gaskrieg 2.0“ lässt sich ziehen: Gäbe es die direkte Ostseepipeline von Russland nach Deutschland schon, könnten die Westeuropäer die fast alljährlichen Vorstellungen des Gas-Theaters durchaus mit einem leichten Schmunzeln verfolgen.