Die Lösung ist für die meisten Russen schnell und pragmatisch zu finden.
Allerdings bereitet der Gewissenskonflikt russisch-orthodoxen Russen und Russinnen doch einige Seelenschmerzen. Denn die Osterfastenzeit, die gleich nach dem russischen Karneval, der Butterwoche (Masleniza) beginnt, ist für die russisch-orthodoxe Kirche die wichtigste der Fastenzeiten. Grosse Fastenzeit wird sie genannt.
Kein Alkohol, keine Milch und Milchprodukte, kein Fisch, kein Fleisch, keine fleischlichen Gelüste, so lautet das strenge Fastengebot dauert 40 Tage lang bis zum Osterfest.
Andererseits ist der Weltfrauentag in Russland längst seines puritanisch-politischen Inhaltes entkleidet und wird seit Jahrzehnten als Fest des Frühlings, den Lebens, der Liebe und der Frauen begangen.
Auch hier sind die Rituale streng wie in der russisch-orthodoxen Kirche: die Herren der Schöpfung machen Frühstück, waschen Geschirr - oder kaufen sich von diesen Pflichten durch maximal teure Blumensträusse frei - plus mindestens eine Flasche Schampanskoje.
Meist endet der (Welt)Frauentag wie er enden muss: mit einem feucht-fröhlichen gemischtgeschlechtlichen, meist ziemlich unerotischen Gelage, dem sich niemand entziehen darf.
Gott sei Dank werden diese Gelage nur in diesem Jahr durch die Gewissensbisse der russisch-orthodoxen Gläubigen gewürzt. Die russischen Moslems, Juden, Buddhisten, Schamanisten, Paganisten und Atheisten kümmern sich sowieso nicht um diese Regeln - und die allermeisten russisch-orthodoxen passen sich ihnen pragmatisch an.
Auf diese Art wirkt also wohl dieser Gewissenskonflikt und seine pragmatische Auflösung sozusagen als vereinende, konstitutionelle Elemente im russischen Vielvölkerstaat.
Hauptsache, man nimmt nicht alles bierernst. Prost!
Gisbert Mrozek, Waldai
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