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Quo vadis, Putin? Russlands mächtigster Realpolitiker scheint manchmal amtsmüde (Foto: newsru.com)
Freitag, 04.03.2011

Gerüchteküche: Putin geht nach 2012 zu UN oder IOC

Moskau. Wer kandidiert seitens des „Tandems“ 2012? Und was wird mit der anderen Hälfte? Dazu eine neue Version: Medwedew bleibt Präsident - aber Putin bekommt einen hübschen internationalen Chef-Posten.


Die gestrige Rede von Präsident Dmitri Medwedew anlässlich des 150. Jahrestages der Bauernbefreiung in Russland wurde von manchen russischen Medien – wieder einmal – zum Auftakt des Präsidentenwahlkampfs 2012 erklärt.

Medwedew betonte dabei explizit die Wichtigkeit der persönlichen Freiheit – die letztlich wichtiger sei als eine stabile „militärisch-bürokratische Machtvertikale“. Eine Politik des ständigen „Anziehens der Schrauben“ und ein Übermaß an Regeln und Kontrolleuren verstärke eher die Korruption und die Degradierung eines Staatswesens,postulierte Medwedew.

Wladimir Putin hätte so etwas nicht gesagt. Er betont lieber die tragende Rolle eines starken Staates und die Wichtigkeit einer entschiedenen Führung. Nicht dass er je etwas gegen Bürgerrechte und Demokratie sagen würde - aber die Werte-Prioritäten setzt der mächtige Premierminister anders.

Medwedew braucht nur einen Wähler: Putin


Das Bild vom Wahlkampf ist allerdings etwas schief: Präsident und Premierminister sitzen weiterhin in einem Boot. Und sie werden zuerst einmal untereinander entscheiden, wer im März 2012 seitens der Staatsmacht für die nächste Amtszeit als Staats-Chef kandidieren soll.

Das Szenario, dass die beiden russischen Polit-Größen den Wähler entscheiden lassen werden, ist zwar theoretisch denkbar, aber faktisch nicht real: Warum sollten die beiden Alliierten sich gegenseitig im Wahlkampf madig machen und andere etwas entscheiden lassen, was sie auch selbst tete-a-tete aushecken können?

Abgesehen davon wäre ohnehin klar, wer gewinnt: Putin ist schließlich Vorsitzender der faktisch alle Verwaltungsebenen beherrschenden „Kreml-Partei“ Einiges Russland (ER) samt ihrer bei jedem Wahlgang bedeutsamen „administrativen Ressourcen“ - während hinter Medwedew allenfalls diffuse liberale Kreise stehen.

Der Präsident will noch in die Geschichte eingehen


Mit einer programmatischen Rede wie der zur Abschaffung der Leibeigenschaft – und das war nicht die erste dieser Art - macht Medwedew allerdings klar, dass er sich mit seinen eigenen Modernisierungsbemühungen in einer Reihe mit Zar Alexander II. als weiterer großer Reformer in der russischen Geschichte sieht - und nicht nur als Lückenbüßer zwischen zwei Putin-Amtszeiten.

Auch Berater des Präsidenten haben schon durchblicken lassen: Medwedew will gerne weiter machen. Bei Bedarf legt er deshalb auch den liberalen Mantel ab und schlüpft in eine verbale Feldmarschallsuniform – wenn er etwa in bester Putin-Diktion zur „Vernichtung“ des Terroruntergrunds im Kaukasus aufruft.

Putin langweilt das Regieren


Was hingegen Putin will, ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt weniger klar. Moskauer Beobachtern fällt auf, dass er seinen Job als Regierungs-Chef in letzter Zeit sichtlich lustlos erfüllt: hier Gelder verteilen, da Verhältnisse kritisieren, dort eine öffentliche Einrichtung inspizieren …

Der 59 Jahre alte russische Polit-Haudegen macht den Eindruck, als würde ihn das Managen seines Landes zunehmend einfach langweilen. Publikumswirksame „Wahlkampf-Eröffnungen“ wie von Seiten Medwedews sind bei ihm in letzter Zeit jedenfalls nicht zu bemerken.

... es sei denn, es gibt Sport und Nervenkitzel


Einen ganz anderen Putin erlebt man eigentlich nur noch, wenn ein gewisser Spaßfaktor und eine Prise Abenteuer dabei sind: Sei es beim Testen von Olympia-Abfahrtspisten in Sotschi, bei einer Probefahrt im Lada über die neue Transsibirien-Straße, dem Waldbrandlöschen per Wasserbomber oder bei der – rein wissenschaftlich begründeten – Hatz auf streng geschützte Wale, Tiger oder Eisbären, denen er dann kraft Amtes und seiner Bizeps Hautproben entnimmt oder Peilsender verpasst.

Von Moskau nach Genf oder New York?


Der Macher, Macho und Machtmensch Putin wäre eigentlich am liebsten Chef von Greenpeace, könnte man da denken. In der russischen Staatsduma, so schreibt nun die „Nesawissimaja Gaseta“, mutmaßt man in der Tat darüber, dass Putin nach 2012 aus der russischen Politik aussteigen könnte – um es dann auf internationaler Ebene noch zu etwas zu bringen.
Als geeignete Posten für ihn werden nichts weniger als das Amt des UN-Generalsekretärs oder der Posten des Vorsitzenden des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) genannt.

Heimliche Beratungen mit dem Weißen Haus?


Selbst ein nächste Woche anstehender Besuch des US-Vizepräsidenten Joe Biden bei Medwedew in Moskau wird von der Zeitung zum einen als Indiz dafür gewertet, dass das Weiße Haus auf dem gegenwärtigen Amtsinhaber als nächsten Präsidenten setzt.

Und es sei nicht auszuschließen, so mutmaßt das liberale Blatt, dass bei dieser Gelegenheit mit der Führungsebene in Washington bereits die Frage der Auswahl der zukünftigen Arbeitsstelle für Wladimir Putin angesprochen wird.

Das kann natürlich auch nur ein von umtriebigen Medwedewianern bewusst in die Welt gesetztes Gerücht sein, um den Eindruck zu erwecken, die interne Wahl zwischen Putin und Medwedew sei bereits entschieden.

Auch eine Variante: Alles bleibt wie es ist


Denn mindestens genauso wahrscheinlich wie die Vorstellung vom noch jungen Elder Statesman Putin auf einem prestigeträchtigen Chefsessel irgendwo in Genf oder New York ist die Annahme, dass sich das latent gegen jeden Wandel sträubende russische Staatssystem im nächsten Jahr einfach zu gar keiner Veränderung durchringen kann: Warum soll Medwedew nicht einfach Präsident bleiben und Putin wie gehabt dessen Pate und Premierminister?

Noch gibt es im weiten Russland ja genug Berggipfel, Einöden, Wildnisse und geschützte Tierarten, die der starke Mann in Moskau noch nicht bezwungen hat - und die ihm etwas Abwechslung ins öde Tagesgeschäft des Machthabens bringen können.


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