Lothar Deeg, St. Petersburg. Die Zeiten ändern sich: Russland hat der EU Finanzhilfen zugesagt – das hätte man sich vor ein, zwei Jahrzehnten nur umgekehrt vorstellen können. Es geht um vorerst zehn Mrd. Dollar.
Diese Europäer, erst hauen sie uns und dann halten sie bettelnd die Hand auf – so ähnlich muss es Dmitri Medwedew durch den Kopf gegangen sein, als er gestern in Brüssel zum EU-Russland-Gipfel erschien.
Das EU-Parlament in Straßburg hatte tags zuvor eine Resolution verabschiedet, in der es Wahlfälschungen und Verhaftungen von Demonstranten in Russland scharf tadelte und Duma-Neuwahlen forderte.
Medwedew: Kümmert euch um eure Probleme!
„Das sind unsere Wahlen! Das Europaparlament sollte sich um seine Angelegenheiten kümmern. Schauen Sie doch nur mal, wie viele Probleme Sie hier haben“, giftete Medwedew gegenüber der Brüsseler Presse zurück.
Wahlen manipulieren und sich so Mehrheiten sichern, das ist politisch natürlich gar nicht korrekt. Aber wo Medwedew recht hat, hat er recht – Westeuropa steckt im Sumpf und um sich da wieder raus zu schaukeln, hilft eine „Wiege der Demokratie“ auch nicht weiter.
Geld stinkt bekanntlich nicht
Die Alte Welt braucht dringend Cash – und den nimmt es gerne aus Russland. Auch China wäre der EU ja als Zahlmeister hoch willkommen – wo man nicht mal Wahlmanipulationen kritisieren kann, weil es keine Wahlen gibt.
„Mindestens zehn Milliarden Dollar“ werde Russland als seinen Anteil an dem geplanten Hilfspaket an den IWF überweisen, versprach der Kreml-Chef. Auch über „weitere Hilfsmaßnahmen“ werde der Kreml nachdenken.
Um was es da gehen könnte, verriet Medwedew nicht. Billig-Wodka gegen den paneuropäischen Frust? Oder Billig-Erdgas im Tausch gegen die nationalen Pipelines wie jüngst im Falle des bankrotten Weißrusslands?
Oder einfach noch ein paar Milliarden obendrauf? Russland könnte es sich ja leisten, seine Kassen sind gut gefüllt: Wenn nötig, könnte man eine ganze Panzerarmee mit Geld füllen und nach Berlin rollen lassen - begrüßt durch Freudenschreie: "Finanz-Hilfe! Die Russen kommen!"
Russlands symbolischer Tropfen auf den heißen Stein
Moskaus zehn Milliarden sind in dem 200-Milliarden-Topf des IWF - den die Europäer weitgehend selber füllen müssen – zunächst nur ein Bodensatz. Auch wenn die russische Hilfe in diesen Dimensionen nicht krisenentscheidend ist: Sie zeigt doch, wie eng Russland Europa verbunden ist – die USA haben hingegen abgewunken, ein Scherflein für diesen zig-sten Rettungsfond beizutragen.
Auch angesichts der europäischen Oberlehrerhaftigkeit gegenüber dem Kreml in Sachen Demokratie ist dies allerdings momentan eher eine wirtschaftliche als eine moralische Verbundenheit: „Wir halten 41 Prozent der russischen Währungsreserven in Euro“, so Medwedew.
Auch Russland braucht die Euro-Rettung
Kein Wunder, dass Moskau da bereit ist, etwas abzuzweigen, damit der Staatsschatz bei einem Euro-Crash nicht an Wert verliert. Noch schlimmer ist für Russland die Vorstellung, die Euro-Krise könnte die ganze Weltwirtschaft in den Niedergang reißen.
Denn dann würde der Öl- und Gaspreis heftig einbrechen – was die Rubel-Zone schnell ähnlich hart erschüttern würde wie das Epi-Zentrum Europa selbst.