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Der Kreml will Terroristen wie Doku Umarow nicht nur mit Polizeigewalt besiegen. (Foto: TV)
Freitag, 02.04.2010

Kaukasus: Mit Entwicklungshilfe gegen den Terror

Lothar Deeg, St. Petersburg. Selbstmord-Attentate sind die neue Standard-Waffe der kaukasischen Terroristen. Russlands Präsident Medwedew hat verstanden, dass diesem Terror allein mit Polizeigewalt nicht beizukommen ist.

Selbstmord-Attentäter in der U-Bahn, zur morgendlichen Rush-hour – für eine moderne Metropole kann es kaum einen größeren Alptraum geben. Die Moskauer müssen seit dieser Woche wieder mit der Erkenntnis leben, dass jeder jederzeit von einer dem Paradies zustrebenden „Schachidka“ mitgerissen werden kann.

Entsetzen ja, aber Panik hat sich deshalb in der russischen Metropole nicht breit gemacht. Denn man hat Terror-Duldungs-Routine wie vielleicht sonst nur in Israel: 1999 explodierten nächtens ganze Wohnblöcke. Und 2004 zogen schon einmal sechs kaukasische Rucksackbomber durch die Stadt. Einer sprengte sich auch in der Metro – die Zahl der Opfer war ähnlich hoch wie jetzt.

Der Terror als Anlass für „Reformen“


Der Rückblick verdeutlicht: Mit zwei Bomben ist Russland nicht aus der Balance zu bringen. Vor sechs Jahren brach deshalb weder ein neuer Krieg im Kaukasus aus - noch die Diktatur an. Zwar nutzte Wladimir Putin, damals als Präsident, die Verunsicherung zu innenpolitischen „Reformen“: Die Machtvertikale des Kremls gegenüber den Regionen und die Dominanz seiner Hauspartei „Einiges Russland“ gegenüber der Opposition wurden verfestigt.

Auch jetzt dürften Premier Putin und Präsident Medwedew die Lage nutzen, um schon lange erwogene Einschnitte vorzunehmen – etwa bei der Internet-Überwachung. Dem populistischen Ruf nach Wiedereinführung der ausgesetzten, aber faktisch abgeschafften Todesstrafe wird sich das Führungs-Duo wohl widersetzen. Kamikaze-Kämpfer lassen sich dadurch nicht abschrecken – aber für Russlands West-Beziehungen wäre es ein Schlag ins Knie.

Eruptionen aus dem Kaukasus erschüttern Moskau


Einfach zur Tagesordnung übergehen kann Russland aber nicht. An seiner Südflanke brodelt seit zwei Jahrzehnten ein ideologischer, politischer und ethnischer Krisenherd. Gelegentlich erreichen dessen Eruptionen die Hauptstadt.

Die radikalen Islamisten dort träumen von einem Scharia-Emirat im Kaukasus. Ihr Anführer Doku Umarow ist mit Al-Kaida, den Taliban und arabischen Sponsoren vernetzt. Es geht schon lange nicht mehr um die Unabhängigkeit Tschetscheniens: in Dagestan und Inguschetien sind ebenfalls Gewalt und Gegengewalt, Korruption und Verrat, Terror von unten und Willkür von oben zu den gesellschaftlich bestimmenden Faktoren geworden.

Kamikaze-Akte statt klassischem Partisanen-Krieg


Russlands neuer Reichtum ging an den meisten Menschen in dieser Region vorbei. Und ob die Moskauer Attentäterinnen nun eher moslemische Fanatikerinnen, verwitwete Nebenfrauen lokaler Terror-Größen oder gehirngewaschene Randexistenzen waren, ist fast zweitrangig: Mit ihren 17 bis 20 Jahren haben sie ihr ganzes Leben in diesem Unfrieden zugebracht – und nun sind sie fähig zum wahllosen Töten.

Im Laufe des letzten Jahres bedrängten Armee und Polizei die Untergrundkämpfer mit einer Offensive in ihren Rückzugsgebieten in den Wäldern und in abgelegenen Dörfern. Mehrere Gruppen wurden aufgerieben, auch zahlreiche führende Köpfe bei Kämpfen liquidiert. Die Islamisten verlegen sich deshalb zunehmend vom Partisanenkrieg – der ja Rückzugsmöglichkeiten erfordert – auf Selbstmordattentate: Seit Mai 2009 wurden in der Region elfmal Kamikaze-Aktionen durchgeführt. Ziel und Opfer waren fast immer Polizisten.

Russlands Führungs-Tandem reagierte auf die jüngsten Anschläge zunächst einmal mit der zu erwartenden Härte: Man werde die Terroristen „vom Grund der Kanalisation kratzen“, tönte Putin. Und auch Medwedew sprach vom „Vernichten des Terrors“.

Medwedews Fünf-Punkte-Plan gegen den Terror


Nach etwas Bedenkzeit, später vor Ort in Dagestan, schlug der Präsident aber andere Töne an - und verkündete eine Art Fünf-Punkte-Plan: Die ersten beiden Punkte sind die traditionelle Anti-Terror-Strategie: Weitere Verstärkung der Sicherheitsorgane und Truppen sowie „scharfe Dolchstöße gegen die Terroristen, um sie und ihre Unterschlupfe zu vernichten“.

Medwedews drei andere Punkte sind jedoch sozialer Art: Neben Hilfe für diejenigen, die sich von den „Banditen“ lossagen wollen, brauche die Kaukasus-Region einen Entwicklungs-Schub bei Wirtschaft, Bildung und Kultur. Und schließlich solle der russische Staat „die moralische und geistige Komponente“ stärken.

Geld im großen Stil fließt bisher nur nach Sotschi


Um den Terror zu besiegen, benötigt die Krisenregion also Investitionen, eine echte Zukunftsperspektive – und einen Islam, der mit staatlicher Förderung nicht von Fanatikern, sondern von geläuterten Gelehrten vermittelt wird. Mit den etwa 20 Milliarden Euro, die bis 2014 im Kaukasus investiert werden, ließe sich da einiges bewegen. Doch leider fließen sie in Olympia-Projekte für die nächsten Winterspiele in Sotschi. Der „sündige“ Badeort wird damit zu einem mondän-modernen Mini-Moskau mit Palmen und Bergen hochgedopt.

Es wäre für den Kreml an der Zeit, die Prioritäten im Kaukasus zu überdenken, wenn der Terror wirklich besiegt werden soll.


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