Thomas Fasbender, Moskau. Hand auf's Herz - wer kannte vor drei Wochen einen Quadriga-Preis? Eine Werkstatt Deutschland? Nun ist ganz Deutschland eine Werkstatt, darauf sind wir zu recht stolz - aber eine Werkstatt Deutschland e.V.?
Ein Blick ins Internet klärt auf. Dieser Werkstattverein ist eine honorige Veranstaltung, staatstragend bis in die Knochen, und richtet so tolle Sachen aus wie "eine fünfstündige livefernsehsendung aus dem bonn-berlin-express (..) mit hilfe eines hochmodernen ice der deutschen bahn ag" im Jahr 1997. Die konsequente Kleinschreibung von "statut und organisation" ist Programm; seit vier Jahrzehnten wissen wir ja: wer konsequent klein schreibt, verkörpert fortschritt und avantgarde.
Neben bewegenden Initiativen wie einem Modernisierungsgipfel im Zeichen von Goethes Maximen vor elf Jahren und dem Jugendprojekt "zukunft unterwegs gemeinsam mit dem bundespräsidenten der bundesrepublik deutschland, herrn prof. dr. roman herzog" hat der Verein 2003 den besagten Quadriga-Preis ins Leben gerufen.
Die Webseite des Preises ist zwar nicht in der Amtssprache der Bundesrepublik Deutschland verfasst, dafür aber auch nicht in konsequenter Kleinschrift. Also es wird international.
"The Quadriga honours role models", lesen wir, "Role models for Germany and role models from Germany." Das befindende Gremium ist das "Board of Trustees", von dem man annehmen darf, dass es sich auf deutsch unterhält.
Wenig große Köpfe, ein Minister, ein Grünen-Chef, der JU-Vorsitzende, einige Adabeis der Hauptstadtszene (Prof. Dr. Margarita Mathiopoulos noch mit vollem akademischem Titel) und ein paar Unbekannte.
Die Preisverleihung findet jährlich am Tag der Deutschen Einheit statt. Bis auf 2011 - am vergangenen Wochenende wurde die diesjährige Veranstaltung ausgesetzt.
Grund dafür ist ein Fettnäpfchen namens Wladimir Putin. Und mit Fettnäpfchen ist es in Deutschland so eine Sache. Ist der Fuß erst einmal drin, geht sie zumeist übel aus. Dabei hatten sich die Trustees gemessen an ihrem heurigen Motto "Leadership" mit Putin keinen schlechten Kandidaten ausgesucht. Was immmer man ihm vorwerfen mag, seine Führungsqualitäten wird niemand ernsthaft bezweifeln.
Aber kann so einer Vorbild für Deutschland sein - a role model for Germany?
Nun werden die Trustees kaum gewollt haben, Deutschland à la Putin zu regieren. Auch die Russen würden mit Frau Merkel ihre Probleme haben. Vielleicht hatten sie eine von Putins wichtigsten Leistungen im Blick, das Zurückfahren der Staatsschulden von fast 150 % des Bruttosozialprodukts auf fast Null im Laufe von einem halben Jahrzehnt. So gesehen kein unaktuelles Thema, und im Ergebnis durchaus vorbildlich. Oder sie wollten den russischen Ministerpräsidenten ganz einfach für seinen Beitrag zu den guten nachbarlichen Beziehungen ehren.
Aber die Rechnung war ohne den Wirt gemacht. Der Wirt, das sind die deutschen Medien, nicht minder staatstragend als der Werkstattverein, aber ungleich mächtiger. Putin ist ihr persönlicher Buhmann, der sich erfrecht, dem Westen zu zeigen, dass Russland auch anders kann.
Vor allem führt er vor, in welcher Klemme dieser Westen steckt: Was ist ihm wichtiger - die Energievorräte Eurasiens (ohne Russland geht da nichts) oder die Missionsarbeit in Sachen Demokratie und Menschenrechte?
Am Ende hatte das Spektakel mit Putin selbst am allerwenigsten zu tun. Es ging nur noch um Positionierung und schnelle Flucht. Manche kennen das von Hauptstadtparties, wenn die Rede auf Russland kommt. Was, Sie sind für Putin - sind Sie denn kein Demokrat?
Zwei Wochen lang schäumten Medien und Politiker über vor Entrüstung. Der Grünen-Chef, obwohl er die ursprüngliche Entscheidung offensichtlich mitgetragen hatte, kündigte die Mitgliedschaft als Trustee. Ein dänischer Künstler, Preisträger aus dem Vorjahr, retournierte seinen Preis.
Als schließlich Václav Havel, Preisträger 2009, mit demselben Schritt drohte, war Schluss mit der politischen Unkorrektheit. Werkstattklub, zurück ins Glied.
Die Sieger können nun frohlocken; so schön kann Widerstand sein. Das Risiko ist nicht höher als beim Mitbeten während der heiligen Messe, und man steht garantiert auf der richtigen Seite. Ist doch was: Sophie-Scholl-Feeling zum Nulltarif.
Russische Übersetzungen >>> Thomas Fasbender lebt seit 1992 in Moskau, ist Geschäftsführer der CHECKPOINT RUSSIA und mit regelmässigen Kommentaren auf Russland-Aktuell präsent.