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Schaut immer gleichzeitig nach Ost und West - der russische Staatsadler. (Foto: Archiv)
Samstag, 16.04.2011

Medwedew auf Hainan: Dollars, BRICs und BRICS

Thomas Fasbender, Moskau. Seit vergangener Woche ist es amtlich. Das Buzzwort der Fondsmanager und Wirtschaftsredakteure seit Jim O'Neills Veröffentlichung vor zehn Jahren ("Building Better Global Economic BRICs") gibt es nicht mehr …


... jedenfalls nicht in seiner knappen, singulären Form. Der prägnante Begriff wurde pluralisiert, auf der Ferieninsel Hainan im Chinesischen Meer beim alljährlichen Gipfeltreffen der Organisation.

Nun heißt sie also künftig BRICS, und was den Unterschied macht, ist die Mitgliedschaft Südafrikas nach nur einem Jahr als Anwärter. Ein forsches Manöver, und es spricht für die Eile, die China bei der Erschließung des Kontinents an den Tag legt (empfohlene Lektüre: Henning Mankells "Der Chinese").

Die BRICS sind zuvörderst das Ergebnis erfolgreicher Entwicklungspolitik: Transfer von Technologie und Knowhow, Öffnung der Märkte, Investitionen. Dass der so mühevoll ausgebildete Nachwuchs den Altvorderen irgendwann den Rang streitig macht, kennt man aus jedem Vater-Sohn-Konflikt.

In knappen Krisenjahren setzten die Eskimos ihre Alten auf eine Eisscholle und ließen sie dem Tod entgegen treiben.

Abgrenzung von den Altlasten


Die Allianz fusst ansonsten auf nichts als reinen Opportunitäten. So definieren sich auch die Gemeinsamkeiten ihrer vier … äh, fünf Mitglieder in erster Linie anhand von Abgrenzungen – vor allem von den so genannten industrialisierten Länder mit ihren schweren Altlasten: die ungeheuren Staatsschulden, die Europa, Japan und die USA im Hochgefühl des immerwährenden Aufschwungs angehäuft haben, und die teuren Sozialversprechen, die den Regierenden im Rausch desselben Hochgefühls über die Lippen gerutscht sind.

Wenn die Alte Welt uns seit einem halben Jahrhundert bewiesen hat, wie man das Ende des Kapitalismus besser nicht inszeniert, so werden die BRICS in ihrer Zeit das Beispiel dafür geben, wie mit den knappen Ressourcen des Planeten besser nicht umzugehen ist. Doch das ist Zukunftsmusik. Die heutigen Generationen, gewissermaßen Zwischengeborene, stehen vor der Bewältigung des Übergangs.

Politische Beben auf vier Kontinenten


Unter der Oberfläche bereiten sich die politischen Beben schon vor. China drängt auf Einfluss in Afrika und Australien, Russland drückt US-Einfluss in der Ukraine und Georgien wieder von seinen Landesgrenzen zurück, auch die drei anderen BRICS arbeiten an der Konfliktvorsorge in ihren jeweiligen Subkontinenten.

Der Clash kommt, wenn es dem Dollar als Handelswährung an den Kragen geht. Noch trägt China die Krone nicht, und noch tauscht die Welt mit den Amerikanern wertvolle Rohstoffe gegen grünes Papier.

Doch irgendwann wird Washington die Druckerpresse anschalten, nur der Zeitpunkt ist offen. Und bevor es dazu kommt, wirft China den Handschuh: Handel nur noch in RMB.

Ein wenig Einstieg in den Ausstieg aus dem Dollar


Jedenfalls betrieben die BRICS hier auch ein wenig Krisenvorsorge, indem sie vereinbarten, untereinander Verrechnung und Kreditnahme in den Landeswährungen zu betreiben. Teils ist es Vorsorge, teils treibt es den Dollar noch tiefer in die Krise.

Die Lage entfaltet sich unstet, in einer unregelmäßigen Abfolge von Krisen wirtschaftlicher und militärischer Natur. Das 21. wird kein Jahrhundert der Eroberungskriege und Panzerschlachten, aber stabile Friedenszeiten voll Harmonie und Sicherheit erwarten wir besser nicht.

Ächzender Rückzug


Die Finanzkrise 2008/2009, die Rebellionen in Nordafrika und im Nahen Osten Anfang 2011, das schleichende Flüchtlingsproblem der Europäer – nur mit Ächzen tritt die alte Ordnung ihren Rückzug an.

Noch schauen die BRICS zu, weitestgehend. Der Iran, der im muslimischen Raum den Motor macht, ist ihnen fremd, unberechenbar und doch nützlich.

Er ist der Gradmesser des restlichen Einflusses Amerikas in der Welt, und er bindet die Aufmerksamkeit des Westens im Raum um das östliche Mittelmeer, wo die BRICS selber kaum etwas zu gewinnen und wenig zu verlieren haben.

Deutschland und die Nord-Union


Und Deutschland? Einige ausländische Kommentatoren suggerieren, wir sollten unseren heimischen Kontinent mit bewährter Finanzdisziplin an die Kandare nehmen. Andere fürchten nichts so sehr wie genau das.

Auf lange Sicht dürfte eine europäische Nord-Union das Klügste sein, vielleicht mit einem Referendum für unsere Schwestern und Brüder südlich des Mains.

Vor einem solchen Hintergrund gewinnt auch das künftige Verhältnis zu Russland neue Qualität. Im Rückblick auf über 500 Jahre sind dessen Entwicklungsmöglichkeiten noch lange nicht ausgeschöpft.

Und in ein, zwei Generationen, nach endgültiger Überwindung der Erblast des 20. Jahrhunderts, wird aus dem russischen Brick vielleicht sogar ein Stein, auf den man bauen kann.



Übersetzung dieses Kommentars ins Russische >>>

Thomas Fasbender lebt seit 1992 in Moskau, ist Geschäftsführer der CHECKPOINT RUSSIA und mit regelmässigen Kommentaren auf
Russland-Aktuell präsent.




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