… dass beide nur weiter ihre jeweilige Rolle spielen und die Pole der Gesellschaft bedienen: den urbanen, wettbewerbsfähigen und zukunftsfrohen Teil, der im 21. Jahrhundert bereits angekommen ist, und die nostalgische Mehrheit, die zwischen den Stühlen sitzt und mit den Zeiten hadert. Eine Zustandsbeschreibung, die im übrigen nicht nur für Russland gilt.
Die Trennlinie verläuft jedenfalls nicht so holzschnittartig, wie die ausländische Presse sie gerne hätte: dort die ewig gestrigen "Organe", hier das aufgeklärte städtische Unternehmertum. Mir sind in einer Woche begegnet: ein junger Journalist, der vehement gegen die Entfernung Lenins vom Roten Platz polemisierte, und ein Geheimdienstoffizier, dessen Überzeugung in den Worten gipfelte, Putin und Kadyrow gehörten beide vor Gericht gestellt.
Herumgesprochen hat sich in weiten Kreisen auch schon, dass Dmitri Medwedew nicht im Jawlinskischen oder Chodorkowskischen Sinne pro-westlich ist – was ein Todesurteil für jeden russischen Politiker wäre –, und so bricht ihm nichts aus der Krone, wenn er ein wenig ungelenk zum Oldie-Hit American Boy die Beine schüttelt. Viel besser, als wenn er wie John Travolta über die Tanzfläche geglitten wäre.
Der eigentliche Unterschied zwischen Putin und Medwedew Der eigentliche Unterschied zwischen den beiden liegt in der Medizin, die sie dem russischen Gemeinwesen verabreichen wollen. Wladimir Putin, ganz technokratisches Kind des 20. Jahrhunderts, glaubt an die Mischung aus Geld, Disziplin und straffer Organisation, das ganze fest umwickelt mit dem dicken Draht aus Stabilität und nationaler Einheit. Während seine Rezepte fatal an den Vorvorgänger Gorbatschow erinnern (der mit ähnlichen Grundsätzen den Kommunismus runderneuern wollte), lässt Medwedjew sich auf das Abenteuer Zukunft wenigstens ein.
Gesellschaft evolutioniert wie ein lebendiger Organismus Er ist schon stärker vom Wassermannzeitalter geprägt und versteht, dass eine Gesellschaft eher einem lebendigen Organismus gleicht als einer Maschine, mit vielschichtigen Rückkopplungen und Fraktalen aus der Apfelmännchen-Welt. Auch die Menschheitsgeschichte ist Evolution, trial and error, heute und alle Zeit. Es gibt keine Modernisierung am Reißbrett; sie ist immer das Ergebnis eines gleichzeitigen Aufbruchs vieler hin zu ganz individuellen Zielen.
Lernen von Deng Xiaoping Der Vater des chinesischen Quantensprungs, der große Deng Xiaoping, hat das genau verstanden: Was nottut ist, dass die Katze Mäuse fängt. Und das tut sie von ganz allein, wenn man sie nur lässt. Egal, welche Farbe sie hat.
Putins Ära ist die restaurative Phase, die unweigerlich auf jede Revolution folgt. Seine historische Leistung war bisher die Wiederherstellung der Staatsgewalt und die Eindämmung der Oligarchenwillkür. Auf der Negativseite bleiben der nur oberflächlich befriedete Nordkaukasus und die unerhörte Korrumpierung der staatlichen und gesellschaftlichen Eliten.
Die perfekt inszenierte Hingabe an Kreuz und Doppeladler, das ganze VIP-Gehabe einer Schicht, die gerade noch davor zurückschreckt, sich als neue Aristokratie zu installieren, kombiniert sich mit solch hemmungsloser Bereicherung, dass die Pariser Bürger unter Louis Philippe – enrichissez vous! – erblasst wären vor Scham.
Und das Volk, das immer für dumm gehalten wird, aber nie ganz blöde ist, denkt sich seinen Teil, wenn es von den Milliardären aus der Datscha-Kooperative Osero und dem Judoklub Jawara-Newa hört.
Putins Ära mag vorüber sein, seine Schuldigkeit getan haben. Das heißt aber noch lange nicht, dass er wie Kaiser Diokletian freiwillig an die Peripherie zieht und Kohl pflanzt.
Der größte aller Restauratoren, der Österreicher Metternich, hat nach dem Ende des Wiener Kongresses dreißig Jahre lang regiert.
Das Projekt Putin 2024, ob Hoffnung oder Schreckensbild, lebt fort.
Die russische Übersetzung dieses Artikels ist hier >>>
Thomas Fasbender lebt seit 1992 in Moskau, ist Geschäftsführer der CHECKPOINT RUSSIA und mit regelmässigen Kommentaren auf Russland-Aktuell präsent.
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