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Ohne Russland ist Europa mehr als mittelmässig (Foto: Archiv/.rufo)
Samstag, 18.06.2011

Modernisierung: Wer hört noch auf Europa?

Thomas Fasbender, Moskau. Seit der Türkeiwahl kann Europa alle Illusionen fahren lassen. Seine großen Nachbarn gehen ihren eigenen Weg. Der Kontinent gerät aus dem Blickfeld; was hat er der Welt noch zu sagen? Und wer hört überhaupt zu?

In Russland, wo Meinungsumfragen aussagekräftiger sind als Dumawahlen, mobilisiert eine Politik nach westeuropäisch-demokratischem Muster allenfalls zwölf bis fünfzehn Prozent. In Ankara gräbt Premier Erdogan die verschütteten islamisch-osmanischen Wurzelstöcke frei. Die Ukraine sucht noch ihre Zukunft, gespalten zwischen russischem Osten und ruthenischem Westen. In Nordafrika gewinnt der Islam eine neue Gestalt unter der jungen Generation.

Die Randzone des Kontinents durchlebt intensive Veränderungen. Die Akteure bedienen sich europäischer Versatzstücke und lernen aus europäischen Fehlern. Aber kein Nachbar von Gewicht will noch wie Europa sein.

Seit langem hätte es Europa gut getan, in den Spiegel zu schauen


Es ist schade, dass unser Kontinent sich nie durch die Brille der anderen sieht, sich nie von außen betrachtet. Von Zeit zu Zeit hilft auch den Völkern ein Blick in den Spiegel.

Wer ihn wagt, entdeckt kein schmeichelhaftes Bild. Schlaffe, aufgedunsene Züge nach Jahrzehnten eines Leben aus dem Vollen, Berge von Schulden, Sozialverbindlichkeiten, Haushaltsdefiziten. Die Menschen wissen schon, auch wenn es ihnen niemand sagt, dass diese Bürde sie ihren Wohlstand kosten wird.

Ob alte oder neue Welt, der Westen lebt zur einen Hälfte von der Substanz, zur anderen auf Pump. In den USA steigen die Staatsschulden jeden Tag um 3,9 Milliarden Dollar. Wo einst die Währungsreserven lagen, steht heute die Druckerpresse. Die ersten großen Investoren kaufen keine zehnjährigen US-Anleihen mehr.

Glaubt dieser Westen ernsthaft, dass andere Länder ihren Kahn dort zu Wasser lassen, wo hundert Meter stromabwärts schon die Gischt der Katarakte in den Himmel steigt?

Europäische Märchen


Besser gar nicht daran denken. Wenden wir uns den schönen Dingen zu, den Glanzlichtern der europäischen Erfolgsgeschichte. Unsere Innovationskraft – eine angestammte Domäne der Deutschen. Und was haben wir der Welt nicht alles zu zeigen: wie man Energie nicht erzeugt, wie man einen Bahnhof nicht baut und auch keinen Transrapid … aber dafür Windräder (wir auch, schallt es aus dem fernen China herüber, nur viel billiger).

Dumm gelaufen. Vielleicht erhellt eine andere Errungenschaft unsere Trübsal: die Zivilgesellschaft, auch wenn sie von allen europäischen Exportartikeln am seltensten kopiert wird: Politkorrektheit, Schwulenehe …

Schwulenehe ist kein gesellschaftliches Grundnahrungsmittel


Nun, politisch korrekt sind sie spätestens seit Putin auch in Russland. Ansonsten erinnert Zivilgesellschaft immer an Bastelabende mit intellektuell Besserverdienenden, sprich Menschen, die fehlerfrei Fremdworte buchstabieren. "Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral", hat Bertolt Brecht geschrieben. Die Schwulenehe, so sehr man sie den Beteiligten gönnen mag, ist eben kein gesellschaftliches Grundnahrungsmittel. Wenn erst einmal Schluss ist mit lustig, wird es rasch still werden um das Thema.

Aber das stört ja keinen großen Geist. Unsere Politiker und Publizisten jedenfalls posaunen in die Welt hinaus, wie man es besser macht. Selbstredend ohne ein Wort Arabisch, Russisch oder Chinesisch zu verstehen. Ungefragt und ungehört. Und sie denken in dicken Büchern darüber nach, ob islamische Gesellschaften demokratiefähig sind.

Mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa ...


Was erwarten wir nun von den Türken, die Jahr für Jahr ein beeindruckendes Wirtschaftswachstum hinlegen und in aller Welt erfolgreich sind? Dass sie reumütig Mea culpa murmeln und zum Atheismus konvertieren?

Der Schwamm sitze schon tief in den Wänden des europäischen Hauses, hat ein russischer Freund es ausgedrückt, und wir machten den Nachbarn immer noch Vorschriften, wie sie ihre Rosenbeete zu gießen hätten.

Europa - Abstieg statt Modernisierung


Europa liefert zur Modernisierung der Welt inzwischen nurmehr das abschreckende Beispiel. Ein Lernmodell. Die neuen Formen werden von anderen gesucht und gestaltet, Formen des Wachstums ohne überbordende Staatsverschuldung und ohne Haushaltsdefizit.

Die Transfergesellschaft mit ihren hohen Sozialkosten wird sich niemand sonst leisten wollen, auch nicht den fatalen Glauben an den guten Staat oder den Verzicht auf Religion und Familie.

Ob das den Europäern schmeckt oder nicht, ist nur noch ihr Problem. Zum Einschreiten fehlt ihnen die Kraft; der Kontinent hat sich an die Welt verausgabt. Einstmals war da eine Karawane, die zwischen bellenden Hunden dahinzog, stolz und ungerührt. Jetzt bellen die Europäer selbst.



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Thomas Fasbender lebt seit 1992 in Moskau, ist Geschäftsführer der CHECKPOINT RUSSIA und mit regelmässigen Kommentaren auf
Russland-Aktuell präsent.




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