Seit George Bush im Alleingang einen US-Raketenschirm in Europa plante, wurde dieser in Moskau als Bedrohung der eigenen Sicherheit aufgefasst, zumal im Pentagon, im Kongress und auch im US-Senat Russland oft als potentieller Schurkenstaat eingestuft worden war.
Dieser Einschätzung entsprach auch unter Obama noch die vom Pentagon angekündigte Positionierung von seegestützten Raketenabwehrsystemen auch in der Barentssee, obwohl es offensichtlich weder iranische, noch nordkoreanische Interkontinentalraketen gibt, die nördlich des Polarkreises Europa ansteuern könnten.
Militärs wollen sich nicht in die Raketenküche gucken lassen Der Versuch Medwedews und Obamas bei dessen Moskaubesuch, einen "gemeinsamen Raketenschirm" aufzuspannen, blieb im Verbalen hängen.
Auch das alte Angebot Wladimir Putins, russische und ex-sowjetische Radaranlagen im Rahmen eines kooperativen Modells zu nutzen, scheiterte am Mißtrauen der Militärs auf beiden Seiten. Weder USA und Nato, noch der russische Generalstab waren bereit, die anderen in die eigene Raketenküche gucken zu lassen.
Das änderte sich zunächst auch nicht, als Obama auf einen US-Alleingang und die Stationierung von Anlagen in Polen und Tschechien verzichtet und seitdem Kurs auf einen Nato-Schirm nahm.
Gemeinsam oder gar nicht Sowohl vom moskauer Generalstab als auch von Dmitri Medwedew wurde immer wieder formuliert, man werde sich nicht als dekorativer Zaungast in einem US- oder Nato-Raketenschirm "beteiligen" lassen. Es gehe nicht um "Beteiligung" - aber ohne russische Mitsprache bei den Entscheidungen -, sondern um einen gemeinsamen Schirm, betonte Medwedew jetzt auch wieder auf dem Nato-Gipfel in Lissabon. Gemeinsam oder gar nicht.
Wie die Moskauer Zeitung Kommersant heute berichtet, soll Medwedew in Lissabon aber vor allem aber ein Angebot gemacht haben, dass das alte Misstrauen elegant entschärfen könnte.
Demnach sollen Nato und Russland jeweils mit ihren eigenen Raketenabwehrsystemen bestimmte Sicherheitssektoren übernehmen, um gemeinsam und arbeitsteilig für Sicherheit des jeweils anderen vor äusseren Angriffen zu bieten. Dabei, so der KOmmersant, könnten sich diese Sicherheitssektoren aber auch überlappen. Die Diskussion über diese Initiative Medwedews und ihre Umsetzung soll, so der Kommersant, im Dezember beginnen und im Juni 2011 auf einem Treffen der Verteidigungsminister enden.
Neuer Sicherheitspakt Wenn die Initiative Medwedews von der Nato aufgegriffen würde, wäre damit auch ein praktischer Schritt zu der "neuen amerikanisch-europäisch-russischen Sicherheitsarchitektur" gemacht, die Medwedew bei seinem ersten Auslandsbesuch in Berlin 2008 vorgeschlagen hatte.
Eine der Voraussetzungen dafür war auch, dass in Lissabon zu Protokoll genommen wurde, dass Nato und Russland sich nicht mehr als gegenseitige Bedrohung auffassen, sondern in der Einschätzung der internationalen Bedrohungslage übereinstimmen.
Der alte Streitpunkt der Nato-Ausweitung - von Moskau auch als Bedrohung für sich aufgefasst - wurde dadurch entschärft, dass die Ukraine unter Janukowitsch selbst nicht mehr in die Nato drängt, wie es auch der Stimmung in der Bevölkerung entspricht, die zwar nach Europa, aber nicht in die Nato will.
Nato will keine fremden Grenzprobleme importieren Die Nato-Mitgliedschaft von Georgien bleibt nur "im Prinzip" auf der Tagesordnung von übermorgen. Nach Nicolai Sarkozys Aussage, die Nato wolle keine fremden Grenzprobleme importieren, hofft man in Moskau, Georgien könnte irgendwann die Unabhängigkeit von Südossetien und Abchasien anerkennen - und so die selbstgemachten Grenzprobleme aus dem Wege räumen.
Damit wäre dann die Bahn frei für eine breitflächige Kooperation zwischen Nato und Russland.
Das nächste wirklich grosse Problem wäre dann China ...
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