Gisbert Mrozek, Moskau. Manche sind begeistert über Obamas atomwaffenfreie Traumrede, andere geschockt, weil er den Türken die EU-Mitgliedschaft versprach. Dabei geht es gar nicht darum. Beides ist leider wohl nur schicke Verpackung für alte Inhalte.
Obamas Traum von einer atomwaffenfreien Welt wurde von ihm selbst vor den jubelnden Massen in Prag als ein Ziel bezeichnet, das noch in weiter Ferne liegt und vielleicht auch zu seinen Lebzeiten nicht erreicht werden kann.
Wesentlich konkreter war hingegen seine Aussage zu den geplanten US-Raketenabwehranlagen in Tschechien und Polen. Diese, so sagte Obama in Prag eher am Ende seiner umjubelten Rede, müssten natürlich sein, solange die iranische Bedrohung bestehen bleibe.
Später mal atomwaffenfreies Paradies - jetzt erstmal Abwehrraketen
Also: irgendwann am St.Nimmerleinstag werden die letzten Atomwaffen abgeschafft - aber auf dem Wege dorthin stellt der Friedensprediger erstmal die schon von Bush geplanten neuen Abwehrraketen auf, die das Kräfteverhältnis in Europa deutlich verändern.
(Ansonsten wäre es ja auch wirklich gar nicht schlecht, wenn alle auf Atomwaffen verzichten würden, zumal diese ja inzwischen fast die strategischen Waffen der Armen sind und sich die militärische globale Vormachtstellung der USA z.B. in der jugoslawischen oder irakischen Praxis gar nicht mal auf Atomwaffen stützte, sondern auf die Effektivität der konventionellen Bewaffnung.)
US-türkische Entspannung auf Kosten Europas - um der US-Airforce Stützpunkte zu verschaffen?
Nach einem ähnlichen Strickmuster scheint auch Obamas Türkeirede gewirkt gewesen zu sein: er verspricht der Türkei für die Zukunft, was er gar nicht versprechen kann - nur um das amerikanisch-türkische Verhältnis zu entspannen, denn dies ist die Voraussetzung dafür, dass US-Airforce endlich türkische Flugplätze benutzen darf.
Das Problem ist in der Tat für US-Militärs besonders dringend nach dem Ossetien-Krieg im vergangenen August. Denn nach Saakaschwilis gescheitertem Blitzkrieg blieben die beiden georgischen Militärflugplätze völlig zerstört zurück, von denen aus die US-Airforce so bequem im Kaspi-Raum hätte operieren können.
Erschwerend hinzu kommt, dass Krigisien (Kirgistan) gerade den US-Militärstützpunkt geschlossen hat, von dem aus Afghanistan (und der Iran) erreichbar ist.
Schöne Worte nur schnödes Mittel für banale Ziele?
Kurz und gut - es sieht fast so aus, als seien die schönen Worte Obamas nur ein schnödes Mittel für sehr banale Ziele. Irgendwie schade, aber wohl wahr.
Natürlich macht der Ton die Musik. Aber das schönste Konzert wirkt eben doch verdorben, wenn es in krassen Dissonanzen endet.
PS.: Nebenbei sei auch noch notiert, dass die USA weiter an ihrer mexikanischen Mauer bauen, um die Immigration zu stoppen - während Obama den Europäern das Gegenteil empfiehlt.
PPS.: Und was die iranische Bedrohung für Mitteleuropa betrifft, so ist diese fast so abstrakt und so weit entfernt, wie die atomwaffenfreie Zukunft der Welt.
Die Iraner haben auf absehbare Zeit weder die Raketen, noch die Sprengköpfe. Wer allerdings die Sicherheit von Gelsenkirchen am Hindukusch verteidigt, der muss wohl auch zum Schutz vor nordkoreanischen Raketen in Polen Abwehrraketen aufstellen.