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Auf dem Leningrader Schlossplatz bekundeten Zehntausende ihren Widerstand gegen den Putsch. (Foto: cogita.ru)
Samstag, 20.08.2011

Putsch-1991 – ein Augenzeugenbericht aus Leningrad

Susanne Brammerloh, St. Petersburg. Auf den Tag genau vor 20 Jahren waren die Ereignisse ein Schock – „Schwanensee“ im Fernsehen, die Angst vor den anrückenden Panzern… Hier ein höchst subjektiver Rückblick auf jene Tage.

Am 18. August 1991 saß ich mit zwei Hamburger Freundinnen in der „Tschaika“, der damals ersten und einzigen ausländischen Kneipe von Leningrad. Wir ahnten nichts Böses und trennten uns weit nach Mitternacht. Am nächsten Tag musste ich eine neue Gruppe deutscher Sprachschüler begrüßen und zu ihrer Schule bringen.

Ein böses Erwachen


Ich hatte damals ein Zimmer in einer Kommunalwohnung in einem uralten Petersburger Haus in der Nähe der Nikolaus-Marine-Kathedrale gemietet. Ich ahnte nichts Böses, als ich auswachte. Als ich mich schon auf den Weg machen wollte, um die neuen Studenten in Empfang zu nehmen, kam ein Anruf:

„Mach doch mal den Fernseher an, da ist etwas passiert“, hieß es. Über den Bildschirm flimmerte eine Aufzeichnung von „Schwanensee“, und das auf jedem der damals sehr rar bemessenen russischen Sender. „In Moskau gab es einen Putsch“, hieß es weiter.

Wir holten die Studenten ab an der Kasaner Kathedrale, brachten sie in die Schule und erklärten ihnen, sie sollten vor allem ruhig und besonnen sein. Es war still in der Stadt, aber es war nichts Gutes zu ahnen. Würden die Putschisten Gorbatschow aus dem Sessel heben, hätte das für uns das Ende unseres Wirkens hier in Russland bedeutet.

Ich persönlich hatte Angst, nicht mal um mich, das eigentlich gar nicht. Ich hatte mich in den Monaten/Jahren davor um die Rückkehr des historischen Namens St. Petersburg bemüht, hatte viele Leute kennengelernt. Ich saß an diesem 19. August irgendwann in meinem Zimmer und heulte vor mich hin – alle Illusionen, alle Hoffnungen drohten zu scheitern.

Solidarität


Im Konsulat sollten sich alle Deutschen melden. Ich tat das dann auch, aber danach stürzte ich mich ins Getümmel, soll heißen: Ich suchte meine Freunde in der Redaktion von „Tschas Pik“ auf, einer der fortschrittlichsten und kritischsten Petersburger Zeitungen jener Jahre.

Da war klar: Wir machen das nicht mit, wir leisten Widerstand. Aber wie? Erst einmal war es mehr eine Solidaritätsbekundung untereinander. Wir fuhren zum Smolny, wo damals noch die Parteizentrale war, dann zum Mariinski-Palais, wo das Leningrader Stadtparlament residierte. Wir wärmten uns sozusagen aneinander, denn zu dem Zeitpunkt war nicht klar, wie es weitergehen würde.

Warten auf das Panzerrollen


Die Nacht darauf verbrachte ich voller Anspannung in meinem Kommunalwohnungszimmer. Im Radio sendeten die unabhängigen Radiostationen „Baltika“ und „Otkrytyj gorod“ („Offene Stadt“), die beiden einzigen freien Sender.

Es hatte Warnungen gegeben, dass Panzer in die Stadt rollen würden, um den Putsch durchzusetzen. Ich lag die ganze Nacht wach und lauschte. Jedes Geräusch schien wie ein entferntes Grollen. Die Panzer rollten auch, aber sie wurden vor der Stadt angehalten. Aber das erfuhren wir erst später.

Die Panzer kamen also nicht. Aber diese Nacht war grausig. Irgendwann kam ein Anruf vom „Stern“ aus Deutschland – über die sehr damals noch mehr als wacklige Telefonleitung. Ob ich nicht berichten könne. Ich hätte vielleicht können, aber ein zweites Gespräch zur Konkretisierung kam gar nicht erst zustande.

Kundgebung auf dem Schlossplatz I


Am 20. August hatte der Leningrader Stadtsowjet, damals geführt von dem mutigen Anatoli Sobtschak, der dann in Folge zum ersten Petersburger Bürgermeister wurde, zu einer Großdemonstration auf dem Schlossplatz aufgerufen.

Dort wurde klar: Leningrad unterstützt den Putsch nicht, sondern bleibt auf der Seite der Demokraten. Zehntausende Menschen waren dort, für mich ist diese Kundgebung bis heute als die spannendste und solidarischste im Gedächtnis geblieben, die ich je erlebt habe.

Zu dem Zeitpunkt war die Gefahr noch nicht gebannt, alles war in der Schwebe. In Moskau kam es am 20. August zur direkten Konfrontation, drei junge Männer starben bei der Verteidigung des „Weißen Hauses“.

Bei uns hier in Leningrad folgte noch eine Nacht voller Anspannung und Angst. Erst am 21. August war klar: Die Putschisten hatten ihr Ziel nicht erreicht, die Demokratie hatte gesiegt.

Kundgebung auf dem Schlossplatz II


Am 22. August gab es auf dem Schlossplatz nochmals eine Kundgebung, als alles schon vorbei war. Ich schleppte einen Riesenhaufen Sonderausgaben der Zeitung „Newskoje Wremja“ („Newa-Zeit“) heran, die sich jeder Freiwillige in der Redaktion an der Bolschaja Morskaja im ehemaligen Haus der Familie Nabokow abholen konnte.

Ich verteilte sie in Null-komma-nichts. Die Stimmung war phantastisch, es war eine Euphorie unterwegs wie nie zuvor und nie danach.

Am späten Abend saß ich dann an der Alexandersäule und genoss die Wärme – nicht nur die laue Sommernacht, sondern auch das Gefühl einer Einigkeit mit und eines Stolzes auf diese Stadt, die wieder einmal bewiesen hatte, dass sie sich nicht unterkriegen lässt.

Was danach kam, ist ein anderes Thema


Die Anstrengung dieser drei Tage zeitigte bei mir dann eine zähe Erkältung und eine völlige Erschöpfung. Drei Kilo abgenommen hatte ich, aber ich war so glücklich, wie wohl noch nie im Leben. Der Frust kam danach aber leider sehr bald – es ging zu langsam, die Hoffnungen auf eine schnelle und grundlegende Änderung im Land wurden im Endeffekt herb enttäuscht.

Vor dem ganzen Frust kam aber am 6. September 1991 die Entscheidung, Leningrad seinen historischen Namen St. Petersburg zurückzugeben. Die Freude darüber war bei mir und meinen Freunden grenzenlos. Alles, was danach kam, ist ein ganz anderes Thema.


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