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Ende eines Startversuchs um jeden Preis: Das Wrack der Yak-42 in Jaroslawl (Foto: rt.com)
Freitag, 09.09.2011

Safety last: Gefährliches Draufgängertum im Cockpit

Sönke Paulsen, Berlin. Der Flugzeugabsturz in Jaroslawl hat es gezeigt, genauso wie der Crash von Petrosawodsk oder das Schiffsunglück auf der Wolga: Sicherheit ist in den postsowjetischen Staaten kein Thema mit Priorität.

Als meine Frau sich in Kiew mit unserem dreijährigen Sohn bei einer Taxifahrt anschnallte, fragte der Taxifahrer, ob sie seiner Fahrkunst nicht vertraue. Auf ihren Hinweis, dass man auch Pech haben könne, zeigte er auf die kleine Plastik-Ikone an seinem Rückspiegel. "Die wird uns schon beschützen."

Solches Gottvertrauen in postsowjetischen Zeiten erscheint mir so absurd wie Lenin auf einem Surfbrett vor Honolulu. Für mich ist das pure Verdrängung.

Selbstherrliche Besserwisser sind gemeingefährlich


Das Verhalten des Taxifahrers, der seinen Fahrgästen am liebsten das Anschnallen verbieten wollte, gehört zu den gefährlichen Einstellungen, die westliche Fluggesellschaften ihren Piloten schon vor 30 Jahren ausgetrieben haben.

Diese "hazardous attitudes" bestehen vor allem in Selbstüberschätzung, Macho-Gehabe und absoluter Immunität gegen jede Kritik. Bei zivilisierten Fluggesellschaften kommt kein Pilot mit solchen Verhaltensmustern mehr ins Cockpit.

Mangelndes Sicherheitsdenken - nicht nur bei Russen


Der Tod des polnischen Präsidenten vor einem Jahr zeigt beispielhaft, dass hier eine große Entwicklungslücke im postsowjetischen Raum besteht. Der Pilot hatte damals zuerst zu einem Ausweichflughafen fliegen wollen, versuchte aber auf Druck der Präsidenten-Mannschaft dennoch zu landen.

Eine typische Vorgeschichte für solche Fehler. Derselbe Pilot mit dem Präsidenten an Bord hatte schon einmal eine Landung verweigert und wollte sich wohl nicht weiter unbeliebt machen. Hier kommt das Moment der Autoritätsangst hinzu. Autoritätsangst und Machogehabe sind besonders gefährliche Verbündete.

Jumbo-Kollission war Anlass zum Umdenken


In den 1970er Jahren gab es auf Teneriffa über 500 Tote, als ein Star-Pilot der KLM mit seiner 747 eine fehlende Startfreigabe nicht beachtete. Der Co-Pilot widersprach dem Kapitän zaghaft und wurde geflissentlich überhört. Diese Katastrophe hat viel verändert in der Einstellung der Fluggesellschaften zu ihren Piloten.

Aber nicht nur Piloten machen Fehler, alle machen Fehler. Wer das verdrängt und für sich nicht gelten lässt, ist gefährlich.

Auch uralte Flugzeuge können sicher sein


Man kann übrigens auch sehr alte Maschinen sicher fliegen, wenn man ihre Grenzen kennt und sorgfältig mit ihnen umgeht. Die Abschaffung der alten Flugzeuge dürfte für Russland das kleinere Problem sein. Das größere Problem ist Abschaffung der Hazardous Attitudes bei den Piloten.

Gefährliche Unbelehrbarkeit


Nach ihrer eigenen Selbsteinschätzung benötigen viele Menschen aus den postsowjetischen Staaten alles, außer guten Ratschlägen. Sie wollen keine Trainings. Sie akzeptieren nichts, was ihnen zeigen könnte, dass sie umdenken und dazu lernen müssen.

Dabei wird genau das verweigert, was objektiv am nötigsten wäre. Schuld ist im Zweifelsfall immer die alte Technik. Aber das stimmt nicht. Auch technische Fehler sind menschliche Fehler.


Sönke Paulsen arbeitet als freiberuflicher Personaltrainer in Berlin. Seine Schwerpunkte sind Gedächtnis- und Entscheidungsmanagement.




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