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In Russland sehr populär zum Tag des Sieges am 9.Mai. - die Georgs-Bänder. (strih.ru)
Samstag, 07.05.2011

Siegestag: Von Menschenrechten und Menschenpflichten

Thomas Fasbender, Moskau. Die Bilder der tanzenden Menschen am New Yorker Times Square und auf der Pennsylvania Avenue in der Nacht nach Osama bin Ladens Tod rufen andere wach, halb verschüttet im kollektiven Gedächtnis, verschwommen und in Schwarz-weiß.

Unübersehbar greift der öffentliche Jubel das Motiv der V-Days vor 66 Jahren auf. Er ist auch eine Selbstbestätigung in schwierigen Zeiten - die Welt ist noch nicht fertig mit Amerika.

In Russland gehört der Tag des Sieges auch ohne tote Terroristen zur nationalen Selbsttherapie. Manchen Frühgeborenen dient er als Trostpflaster für ein gestohlenes Leben, vielen Jüngeren als Maßstab und Verpflichtung.

Terror und GULag umrahmen die Erinnerung an den 9. Mai 1945 mit einem breiten Trauerflor, können den Glanz dieses Tages jedoch kaum trüben. Die Sankt-Georgs-Bänder an den Autoantennen bezeugen, wie tief die Wertschätzung im Volk verwurzelt ist.

Wie eine gepresste Rose liegt der Sieg im Geschichtsbuch der Nation, und wir Deutsche, aufgewachsen im Bewusstsein kollektiver Schande und Scham, können die Russen um eine solche Blüte nur beneiden, mag sie auch beschattet sein von Dornen, Herbstzeitlosen und Eisenhut.

Es liegt nahe, Faschismus und islamischen Fundamentalismus in historischer Kontinuität zu deuten. Beide Bewegungen, mehr Weltanschauungen als Ideologie, speisen sich aus vormodernen Wurzeln.

Bei beiden definiert der Mensch sich aus kollektiven Merkmalen: Volk, Rasse, Glaubenszugehörigkeit. Beide sind ein Magnet für verunsicherte Massen, und beiden dient der westliche Liberalismus mit seinem Subjekt, dem starken, freien und selbstbestimmten Individuum, als alles überragendes Feindbild.

Dieser Westen kann bin Laden töten und zehn seiner Nachfolger; ob aber die Moderne, die historisch gesehen immer noch Projekt ist, dem Ansturm ihrer Feinde dauerhaft standhalten kann, ist alles andere als ausgemacht.

Betrachten wir die jubilierenden Amerikas: Die USA 1945, das war die Industrienation voll jugendlicher Energie, gesegnet mit einer aufstrebenden Bevölkerung, beseelt von den Tugenden der Pioniere, hart im Nehmen, ein Sieger wie aus dem Bilderbuch.

Und 2011: die Staatsverschuldung auf einem rational nicht mehr vorstellbaren Niveau, eine seit Jahren sinkende industrielle Wertschöpfung, der Dollar ohne Zukunft und eine Bevölkerung, die über die Hälfte aller weltweit angebauten Drogen konsumiert.

Amerika, das ist nicht mehr die Fackel der Freiheitsstatue. Was die Welt wahrnimmt ist ein "Anything goes", ein Mixtum aus Neoliberalismus und dem Recht des Stärkeren.

Vieles davon trifft auch auf Russland zu – bisweilen sind, bei allen Unterschieden in Temperament und Tradition, die Übereinstimmungen frappant.
Hier und dort sind die Menschen patriotischer als die aufgesetzt wirkenden Inszenierungen es glauben machen. Hier und dort feiern die Reichen, bis der Arzt kommt. Und hier und dort grenzt anarchischer Individualismus hautnah an härteste Staatsgewalt.

Hat das Zukunft? Aller Wahrscheinlichkeit nach mehr als die blutleeren westeuropäischen Konzepte. Dieser westliche Teil des Kontinents ist definitiv alt geworden.

Aber auch die noch im Saft stehenden Äste des christlichen Abendlandes werden nur dann wieder richtig grünen, wenn die kreativen Kräfte der individuellen Freiheit ausbalanciert werden durch eine Aufwertung der Schwachen, eine Aufwertung, die Verzicht und die Anerkennung anderer als materieller Werte einschließt.

Und zwar nicht als Aufgabe des Staates, sondern als Bestandteil der persönlichen Lebenspraxis des Einzelnen. Es ist an der Zeit, nicht nur Menschenrechte jenseits unserer Grenzen einzufordern, sondern auch Menschenpflichten im eigenen Land.

Die alliierten Armeen haben den 9. Mai nicht erkämpft, weil ihre jungen Männer und Frauen sich in der Etappe verdrückt haben. Die Sankt-Georgs-Bänder hingen heute nicht an den Autoantennen, wenn nicht Unzählige an der Front für ihre Kameraden, für ihr Volk und ihr Land in den Tod gegangen wären.

Ein Gran von diesem Ernst wieder in unseren Alltag einzupflanzen ist vielleicht kein schlechter Vorsatz für den bevorstehenden Feiertag.



Thomas Fasbender lebt seit 1992 in Moskau, ist Geschäftsführer der CHECKPOINT RUSSIA und mit regelmässigen Kommentaren auf
Russland-Aktuell präsent.




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