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Gute Stimmung zwischen den Außenministern Russlands Sergej Lawrow und Deutschlands Guido Westerwelle (Foto: Auswärtiges Amt)
Montag, 02.05.2011

Tripolis, Rapallo und Deutschland zwischen Ost und West

Thomas Fasbender, Moskau. In der Libyen-Frage haben deutsche und russische Politik ungeahnte Einigkeit im UN-Sicherheitsrat bewiesen. Ist es ein Zeichen für eine neue Nähe zwischen Berlin und Moskau?

Der Öffentlichkeit wird es als schlechte Planung verkauft, und die Leitartikler tragen auch sechs Wochen später noch die Stirn gewellt. Gemeint ist die Enthaltung der deutschen Delegation bei der Lybien-Resolution im UN-Sicherheitsrat – an Russlands Seite. Sollte das ein unterbewusstes Signal gewesen sein, der verschämte Beginn einer neuen Phase alter Freundschaft?

On revient toujours à ses premières amours


Nach über einem halben Jahrhundert zementierter Westbindung und in einer Zeit, in der auf allen Seiten die Tabus bröckeln, tastet Berlin sich in eine neue Epoche. Die Kolumnisten der westlichen Leitkultur sind jedenfalls aufgewacht und publizieren besorgte Artikel, hinterfragen Deutschlands künftige Zuverlässigkeit und rühren in deutschen Wunden.

Von Sonderwegen ist da die Rede, von unsicherem Kantonistentum und mangelnder Bündnistreue. Auch der deutsche Stammtisch (in unserem Vaterland die einzig zugelassene Form direkter Demokratie) bekommt sein Fett weg, wo er doch das erste Mal mit diesem Außenminister einer Meinung ist.

Nüchterne Entscheidung


Dabei ist die Entscheidung der Politiker in Berlin und Moskau von Nüchternheit und Pragmatismus geprägt. Gibt es auch nur einen einzigen Hinweis darauf, wer dort in der libyschen Wüste die Guten und wer die Bösen sind? Einzig die atlantisch gestimmten Medien wissen Bescheid, das sagt uns die politisch korrekte Wortwahl: Gaddafis Schergen. Niemand spricht von den Schergen der Rebellen, grad so als seien die alle ISO-zertifiziert.

Doch in Wahrheit geht es nicht um Libyen. Sobald Deutschland gen Osten auch nur zwinkert, schallt es durch den Blätterwald zwischen Paris und Washington: Rapallo! We are loosing Germany!

Rapallo: Vertrag zwischen zwei Geächteten nach dem Ersten Weltkrieg


Rapallo, ein Wort wie Knüppel aus dem Sack. Für die Nachwachsenden: ein Städtchen am Ligurischen Meer und 1922 Ort der Unterzeichnung eines deutsch-sowjetischen Vertrages von weitreichender Symbolik. In der Tat war die Annäherung der beiden Geächteten die einzige Möglichkeit des gedemütigten Deutschlands – vom Westen mit der alleinigen Kriegsschuld beladen – den Siegermächten von 1918 zu zeigen: Wir können auch anders.

Deutschland, Russland, Preußen – für viele ausländische Beobachter ist das ein irritierendes Amalgam aus Blut und Nähe. Daher ist es nur klug, die deutsch-russische Geschichte regelmäßig zu entdämonisieren.

Es waren nicht die schlechtesten Zeiten, wenn Deutschland sich nach Osten orientierte: das vergleichsweise friedliche Mittelalter, im Ganzen unberührt von den langen Kriegen, aus denen die westlichen Königreiche hervorgingen.

Die Deutsche Ostsiedlung, die lange Blütezeit der Hanse, der Deutsche Orden, am Mittelmeer gegründet, aber erst im Baltikum zur Entfaltung gelangt. Die Jahrhunderte andauernde Herrschaft des baltendeutschen Adels und das 19. Jahrhundert, mit dem auch die Hochzeit der deutsch-russischen Beziehungen anbrach.

Ambitionen von Wilhelm II führen zum Krieg


Erst der törichte Wilhelm II hat das Land in die zwei großen Kriege gesteuert, in denen Russland schließlich zum erbittertsten Gegner wurde. Der letzte Kaiser war konsequent auf den Westen fixiert, hatte ein einziges Ziel: Deutschland als Rivalen im Verein der großen Kolonialmächte zu etablieren. Ein Nachbar wie Russland war ihm, anders als seinen Vätern, nicht fein genug. Dieser Ehrgeiz endete in der so genannten Schmach von Versailles, und die Schmach bildete den Humus für die katastrophale Revanche.

Inzwischen sind die Deutschen nicht mehr willens, sich auf fremde, ferne Schlachtfelder zerren zu lassen. Zweimal in diesem Jahrhundert hat unsere Politik das unter Beweis gestellt. Gestern der Irak, heute Libyen, morgen vielleicht der Pazifik. Nur in Afghanistan sind wir dabei und kämpfen … für was? Demokratie am Hindukusch?

Schon aus demografischen Gründen sollten wir mit unserer Jugend sparsam sein.

Gefährlich sind Abwege, nicht Sonderwege


Das Gerede von Sonderwegen trifft die Wahrheit ebenso wenig wie die Vorstellung, in der Geschichte sei alles auf ein Ziel hin ausgerichtet. Jeder Weg ist ein Sonderweg, und jede Nation geht ihren eigenen: die Engländer zwischen USA und Kontinent, die Deutschen zwischen Ost und West, die Franzosen mit einem Fuß in Afrika.

Die Abwege, nicht die Sonderwege füllen die schwarzen Seiten im Geschichtsbuch der Völker. Deutschlands Abweg begann mit der Fehleinschätzung seiner Zukunft als Spätankömmling unter den Nationalstaaten. Das ist Vergangenheit. Das Deutschland der Gegenwart trinkt mit Russen Wodka und mit Franzosen Wein. Mit Bismarck gesprochen: Wir sind wirklich saturiert.


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Thomas Fasbender lebt seit 1992 in Moskau, ist Geschäftsführer der CHECKPOINT RUSSIA und mit regelmässigen Kommentaren auf
Russland-Aktuell präsent.




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