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Rachat Alijew - eine der schillerndsten Figuren Mittelasiens. Ex-Geheimdienstvize in Kasachstan, Ex-Schwiergersohn des Präsidenten, von Interpol gesucht ... (Foto: RLFE)
Dienstag, 27.01.2009

Was hat Nabucco mit Geheimdienstaffaire Alijew zu tun?

Astana. Der Kampf um Öl und Gas Mittelasiens geht in eine neue Runde – und damit auch die Geheimdienst- und Kriminal-Affaire um Rachat Alijew, den Ex-Schwiegersohn Nasarbajews. Sie ist für die Orientierung Kasachstans wichtig.

Im Moment sieht es nicht gut aus mit den europäischen Plänen, mittelasiatisches Gas an Russland vorbei nach Europa zu schaffen. Der Bau der Pipeline Nabucco steht noch in weiter Ferne, die Fianzierung ist ungewiss und das nötige Gas, um die Pipeline füllen zu können, wird es vermutlich nicht geben.

Nachdem Islam Karimow, Präsident des benachbarten Usbekistans in der vergangenen Woche dem russischen Präsidenten Dmitri Medwedew versprochen hatte, usbekisches Gas nicht über die Nabucco-Pipeline via Türkei zu liefern, sondern immer nur nach Russland, ist das politisch von der EU favorisierte Nabucco-Projekt fast schon nicht mehr realisierbar.

Kasachstan könnte seinen Westflirt schnell beenden


Auch der aserbeidschanische Präsident Ilcham Alijew verzögert seine Zustimmung immer wieder. Bei einem Besuch in Ungarn deutete er deutlich an, auch Russland könne ja gute Preise für das Gas aus Aserbeidschan zahlen ...

Und es scheint, als ob auch Kasachstan und sein Präsident Nursultan Nasarbajew, unter anderem motiviert durch die Alijew-Affäre, seine schwachen Ansätze zur Umorientierung nach Westen ganz aufgeben könnte.

FSB leistet Amtshilfe für seine kasachischen Kollegen


Zumindest leistet der russische Geheimdienst FSB seinen kasachischen Kollegen jetzt Amtshilfe, das unangenehme Problem gelöst zu bekommen. Zwei ehemalige Leibwächter des ehemaligen Schiegersohnes des Präsidenten Kasachstans sagen jetzt - ermutigt vom FSB - gegenüber kasachischen Behörden aus.

Auch ein kanadischer Ex-Geschäftspartner Alijews packt jetzt aus. Es scheint, als wende sich das Blatt in diesem Skandal, der seit über zwei Jahren die politische Elite Kasachstans immer wieder beschäftigt.

Präsidentenschwiegersohn Alijew per Interpol gesucht...


Im Mai 2007 hatte Kasachstan überraschend einen Interpol-Haftbefehl gegen Alijew, seinen Botschafter in Österreich erwirkt. Dabei schien Rachat Alijew zum innersten Kreis der Macht in Astana zu gehören. War Alijew doch bis dato Ehemann der Nasarbajew-Tochter Dariga.

Tatsächlich aber hatte Nasarbajew seinen Schwiegersohn schon 2002 weitgehend in die Wüste geschickt, als sich die Informationen über dessen kriminelle Aktivitäten verdichteten.

Rachat Alijew, der immerhin Vize-Geheimdienstchef gewesen war, durfte seitdem nur noch Botschafterposten in Slowenien, Kroatien, Mazedonien, Montenegro und schliesslich Österreich bekleiden.

...positioniert sich erst im Exil als "Oppositionsführer"


Alijew spielte aber trotzdem auch aus dem Ausland weiter in Kasachstan mit. Er baute seine alten Netzwerke weiter aus und kündigte an, bei den nächsten Präsidentschaftswahlen in 2012 gegen Nasarbajew antreten zu wollen.

Seine Positionierung als kasachischer Saubermann und politisch Verfolgter wurde zwar in einigen Westmedien aufgegriffen, wirkte aber angesichts Alijews Biographie und Laufbahn nie sonderlich überzeugend.

Alijew hatte nach einer Karriere in der Finanzinspektion einen Fortbildungskurs beim FBI absolviert, avancierte dann seit 1997 im kasachischen Geheimdienst schnell zum Generalmajor und wurde schließlich stellvertretender Leiter des Nationalen Sicherheitskomitees.

...begann seine Karriere mit einem FBI-Fortbildungskurs...


In dieser Zeit habe Alijew sich durch sein rücksichtsloses Vorgehen gegen Konkurrenten und persönliche Feinde den Spitznahmen "der Henker" erworben, heisst es. Folter, Auftragsmord und Erpressung sollen zu seinem üblichen Repertoire gehört haben, ist in verschiedenen Internet-Publikationen nachzulesen.

...pflegt Kontakte zu Hisbollah, Hamas und Dschihad


Alijew baute dabei bereits dementsprechende internationale Kontakte aus, so auch zu dem Hamas-Aktivisten Issam Salah Khorani und anderen Islamisten - bis hin zu Al Quaida Kontakten. Khorani, der in Almaty studiert hatte, heiratete Alijews Schwester Gulshtat. Seitdem standen ihm in Kasachstan die Türen offen und sein Baukonzern "SSS-Saipem" prosperierte.

An die 600 Mitarbeiter aus verschiedenen asiatischen Ländern habe Khorani nach Kasachstan gebracht, darunter auch Vertreter von Hisbollah, Dschihad und Moslem Bruderschaften, heisst es heute nach kasachischen Geheimdiensterkenntnissen.

Nachdem Nursultan Nasarbajew den gefährlichen, angeheirateten Verwandten schließlich 2002 ins Ausland abgeschoben hatte, setzte Alijew aber seine Aktivitäten von dort aus weiter fort.

Mord und Kidnapping


Vielleicht um für sich selbst das Feld als Oppositionsführer freizuräumen, soll Alijew sogar 2006 in den Mord an dem Oppositionspolitiker Altynbek Sarsenbajew verwickelt gewesen sein, der seinerzeit Informationsminister gewesen war. Auch soll Alijew im Januar 2007 die Entführung von zwei Top-Managern der wichtigen Nur-Bank in Auftrag gegeben haben, die seitdem verschwunden sind.

Diese Entführung scheint schließlich das Fass zum überlaufen gebracht zu haben. Jedenfalls ließ Nasarbajew-Tochter Dariga sich schleunigst von ihrem Ehemann scheiden und das kasachische Innenministerium erwirkte im Mai 2007 einen internationalen Haftbefehl.

Wien verweigert die Auslieferung


Ein Wiener Gericht verweigerte allerdings im August 2007 die Auslieferung, weil Alijew in Kasachstan nicht mit einem fairen Prozess rechnen könne. Seitdem geniesst Alijew das österreichische Exil und nervt seine ehemaligen kasachischen Kollegen regelmässig mit Ankündigungen, er werde das "tyrannische Regime" in Kasachstan alsbald stürzen und für Ordnung und Sauberkeit sorgen. In Wien angesiedelt hat sich inzwischen auch Alijews Freund, der ehemalige Geheimdienstchef Alnur Mussajev.

Hat Alijew mächtige Sponsoren gefunden?


Die schlichte Tatsache, dass alle Auslieferungebegehren immer wieder auf Ablehnung stießen, nährt auf kasachischer Seite den Verdacht, Alijew werde von mächtigen westlichen Kulissenschiebern gestützt, um bei nächstbester Gelegenheit die Lage in Kasachstan zu destabilisieren - trotz aller Bemühungen des Präsidenten Nursultan Nasarbajew, seine Nachfolge im Amt ruhig zu regeln.

Kasachstan unternimmt seit einigen Monaten verschärfte Anstrengungen, sich Alijew ausliefern zu lassen. Die Ehefrau des entführten Nur-Bankmanagers Joldas Timralijew gründete im Dezember 2008 eine Menschenrechts-NGO, die für die Aufklärung des Kidnappings kämpfen will.

Menschenrechts-NGO und Ex-Geschäftspartner wollen auspacken


Und ein ehemaliger Partner Alijews, der Geschäftsmann Adonis Derbas (kanadischer Pass, Hauptwohnsitz Dubais), auf dessen Aussagen sich das Wiener Gericht bei der Verweigerung der Auslieferung gestützt hatte, versicherte Anfang Januar auf einer Pressekonferenz in Astana, er habe diese Aussagen nie gemacht.

Er könne nur vor Alijew und dessen gefährlichen Islam-Connections warnen. Er werde in einigen europäischen Ländern seine Insiderinformationen zur Verfügung stellen, versprach Derbas.

Wie auch immer die Alijew-Affäre ausgehen sollte, es scheint jedenfalls recht deutlich zu sein, dass nicht der am Ende das kasachische Gas bekommt, der in Kasachstan das Chaos auslöst, sondern eher der, der für Stabilität in Mittelasien sorgt. Diesem Ziel scheint Moskau im Moment deutlich näher zu sein, als Wien oder Brüssel.

(dd/.rufo/Moskau)


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