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Grigori Perelman will Ruhe statt Ruhm - und holte seinen Millionen-Scheck nicht ab (Foto: kp.ru)
Donnerstag, 10.06.2010

Mathe-Genie Perelman pfeift auf eine Million Dollar

St. Petersburg. Grigori Perelman, weltgrößtes Mathe-Genie, haust in Armut in einem Petersburger Plattenbau. Jetzt hat er einen Preis von einer Million Dollar sausen lassen, den man ihm in Paris verleihen wollte.

Die Fest-Gemeinde im Pariser Institut für Ozeanographie wartete am Dienstag vergeblich auf Grigori Perelman, das vielleicht größte lebende Superhirn der Welt: Der 43-jährige Mathematiker aus St. Petersburg hätte dort sein Preisgeld, einen Scheck in Höhe von einer Million Dollar, ausgeschrieben vom amerikanischen Clay-Institut, entgegennehmen können.

Der Präsident des Instituts, James Carlson, äußerte sich auf das Nichterscheinen des Preisträgers zurückhaltend. Offenbar fürchte der Wissenschaftler „eine Einmischung in sein Privatleben“. Auf die Entscheidung von Perelman, was mit dem Preisgeld geschehen soll, werde man „solange warten, wie nötig.“

Keine Lust auf Ruhm und Rummel


Dass der Preisträger nicht kam, hatte keine politischen Gründe. Perelman hat einfach keine Lust auf Rummel. Immer wieder verscheucht seine Mutter, eine Mathematiklehrerin, Journalisten, die sich vor der Wohnung in einem einfachen St. Petersburger Plattenbau versammeln, berichtete die Komsomolskaja Prawda.

Poincarés Jahrtausend-Problem geknackt


Der Forscher aus der Newa-Stadt forscht zu dreidimensionalen Räumen. Das amerikanische Institut hatte den eigenwilligen Tüftler ausgezeichnet, weil er eine vor hundert Jahren von dem französischen Forscher Henri Poincaré aufgestellte Vermutung bewiesen hatte.

Seine Lösung des „Jahrtausend-Problems“ hatte Perelman 2002, entgegen den Gepflogenheiten nicht in einer Fachzeitschrift veröffentlicht, sondern eher beiläufig, auf der Internetplattform arXiv. Drei Expertengruppen haben sie inzwischen überprüft.

Internet-Solidarität: Grischa, halt durch!“


Das eigenwillige Verhalten des Petersburgers, der seit 1996 alle internationalen Auszeichnungen negiert, wird im russischen Internet erregt diskutiert. „Grischa halt durch!“ ist auf der User-Plattform der „Komsomolskaja Prawda“ zu lesen.

Der Staat solle ihm alle Wohnungsnebenkosten erlassen und ihm eine „anständige Wache“ vor das Haus stellen, meint ein User. Leute wie Perelman müsse Russland wie einen Augapfel hüten.

Manche verehren den Mathe-Eremiten schon wie einen neuen Che Guevara. So wurden T-Shirts mit dem Perelman-Porträt beedruckt, dazu der Slogan: „Nicht alles kann man für Geld kaufen.“

„Ein echter, sowjetischer Mensch“


Auch die Kommunisten haben das öffentlichkeitsscheue Genie in ihr Herz geschlossen. Perelman, dessen Vater, ein einfacher Ingenieur, 1993 nach Israel auswanderte, sei ein „echter sowjetischer Mensch“, meint die „Bewegung der Kommunisten von St. Petersburg“. Sie rät dem Mathe-Ass jedoch, das Geld anzunehmen. Man könne davon ein Städtchen bauen, für „einfache, talentierte“ Wissenschaftler.

Kommunikation durch die Wohnungstür


Perelman hat seit 1996 alle wissenschaftlichen Auszeichnungen ignoriert und verweigert den Kontakt zu Journalisten. Einem britischen Reporter rief der Forscher durch die geschlossene Tür zu: „Ich habe alles, was ich brauche“.

Seit Perelman weltberühmt ist, wird er von russischen Paparazzi gejagt. Man filmte den Wissenschaftler beim Einkaufen: Ein Mann in abgeschabtem Mantel und hellblauer Wollmütze trottete mit einer Plastiktüte in einen Supermarkt und wieder zurück zum heimischen Plattenbau.

Genie von Kindesbeinen an


Die Begabung von Perelman zeigte sich schon früh. Ab der fünften Klasse besuchte Grigori Kurse für besonders begabte Kinder im St. Petersburger Pionierpalast. 1982 gewann eine Jugendgruppe, zu der auch Perelman gehörte, die Goldmedaille bei einem Mathe-Wettbewerb in Budapest. In der Schule hatte Grigori ausgezeichnete Leistungen. Nur im Sport war er nicht besonders gut.

Ende der 1980er Jahre reiste Perelman in die USA, wo er seine amerikanischen Wissenschaftler-Kollegen mit seiner asketischen Lebensweise verwundert haben soll. Am liebsten ernährte sich der Petersburger von Brot, Käse und Milch.

Von Berkeley in die innere Emigration


Perelman forschte an den Universitäten von New York und Berkeley (Kalifornien), kehrte aber 1996 trotz weiterer Arbeitsangebote nach St. Petersburg zurück, wo er am Steklow-Mathematik-Institut lehrte. Doch 2005 kündigte er auch dort.

Putin lobt den Forscher auf seine Weise


Auch Premierminister Wladimir Putin fand schon Gefallen an dem Petersburger Eremiten. Auf einer Veranstaltung in der Russischen Akademie der Wissenschaften führte der Premier den eigenwilligen Tüftler als Beweis dafür an, dass Wissenschaftler nicht unbedingt mit Millionen Rubel gefördert werden müssen, um gute Leistungen zu bringen.

Putin war zufrieden über seinen Witz, aber so richtig mitlachen wollten die Akademie-Mitglieder nicht.

(Ulrich Heyden/.rufo/Moskau)

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